Kopf des Tages

Die doppelte Timoschenko

Dass sie aus dem gleichen Holz geschnitzt ist, sieht man sofort. Das blond gefärbte Haar, die wachen Augen, der spitze Mund. Die Augen der Welt sind seit gut zwei Wochen auch auf sie gerichtet: Denn Jewgenija Timoschenko ist nicht nur die einzige Tochter der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko, sie ist auch künftige Millionenerbin. Vor allem hat sie sich zur Stellvertreterin ihrer Mutter gemausert. Den jüngsten Beweis dafür lieferte sie am Samstag. Bei einer Kundgebung von 3000 Oppositionellen verlas sie eine Grussbotschaft ihrer Mutter aus dem Gefängnis. Wie die «eiserne Julia» in den orangen Revolutionstagen kämpft heute auch Jewgenija wie eine Löwin. Sie kämpft um das Leben ihrer Mutter – und um die Demokratie in der Ukraine.

Ins Internat nach England

Seit Wochen pendelt Jewgenija Timoschenko alle paar Tage zwischen Kiew, Charkiw und Prag. In Kiew wohnt und arbeitet sie, in Charkiw sitzt ihre Mutter seit Monaten wegen angeblichem Amtsmissbrauch in einer Strafkolonie, nach Prag hat sich ihr Vater Alexander vor den Häschern des immer autoritäreren Regimes von Staatspräsident Wiktor Janukowitsch geflüchtet. Jewgenija Timoschenko antwortet prägnant und klar. Auftritte in Washington, wo sie vor dem amerikanischen Senat sprach, in Brüssel oder in Strassburg haben sie geschult und zu einem Medienprofi gemacht.

Ihrer Mutter hatte sie während der Einvernahmen vor Gericht im Sommer 2011 medienwirksam die Hand gehalten. Das war lange ganz anders. Denn Jewgenija Timoschenko war früher vor allem dafür bekannt, dass sie die Öffentlichkeit mied. «Ich tue nichts Besonderes, deshalb fühle ich mich unwohl, wenn ich mit Journalisten spreche», meinte sie schüchtern.

Ihre Eltern waren gerade 19 und im ersten Studiensemester, als Jewgenija 1980 in Dnjepropetrowsk zur Welt kam. Das junge Paar wohnte bei der Grossmutter mütterlicherseits und hatte wenig Zeit für die Tochter. So wurde Jewgenija von der strengen Mutter Julia Timoschenkos aufgezogen. Bald kam die Perestroika und damit neue Möglichkeiten. Als Jewgenija acht war, eröffneten ihre Eltern eine Videothek. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stiegen die beiden in den Benzinhandel ein. Ihre Mutter bewies grosses Geschick im Umgang mit den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, und das junge Unternehmerpaar kam rasch zu Geld. Für die Tochter hatten sie kaum mehr Zeit – ein Erlebnis, das Jewgenija vor allem ihrer Mutter lange Zeit nachgetragen haben soll.

Als Jewgenija Timoschenko vierzehn war, schickten sie ihre Eltern auf ein Internat in der Nähe von London. Jewgenija lebte bereits in England, als ihrer Mutter Julia der Durchbruch gelang als Firmenchefin des grössten Energiekonzerns des Landes. 1996 stieg sie in die Politik ein, gründete bald ihre eigene Partei und wurde 1999 Energieministerin.

Jewgenia begann um diese Zeit ein Politologie- und Wirtschaftsstudium an der London School of Economics. Erst längere Heimaturlaube ab 2003 liessen in ihr den Wunsch nach einer Rückkehr in die Ukraine aufkommen. Als sie 2005 in Kiew den britischen Rocker Sean Carr ehelichte, stand sie ein erstes Mal im Rampenlicht. Der elf Jahre ältere Schuhmacher aus Leeds versteckte seine Tätowierungen unter einem eleganten Frack, Jewgenija Timoschenko trug auf Wunsch ihrer Mutter ein langes weisses Hochzeitskleid. Die beiden hatten sich kurz zuvor in Ägypten kennengelernt. Sean zog für Jewgenija in die Ukraine um und gründete eine Band. Die Ehe ist kürzlich zerbrochen. Laut Berichten soll Jewgenijas Einsatz für ihre Mutter daran schuld sein.

Vorbild für Jugend

Jewgenija selber äussert sich dazu nicht. Sie hat Wichtigeres zu tun. Neben dem Anwalt ist sie die einzige, die Julia Timoschenko regelmässig besuchen darf. Allein dies macht die Tochter heute zu einer wichtigen Figur der Partei ihrer Mutter. Vor allem junge Ukrainer sehen die 32-Jährige bereits als neue Oppositionsführerin. Paul Flückiger, Warschau


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