Pastor oder Terrorist?

TÜRKEI ⋅ In Izmir hat gestern der Prozess gegen den Pfarrer Andrew Brunson begonnen. Der US-Bürger muss sich wegen Vorwurfs der Unterstützung von zwei Terrororganisationen verantworten.
17. April 2018, 05:16
Gerd Höhler, Athen

Gerd Höhler, Athen

Er kam 1995 aus North Carolina in die Türkei, um zu predigen. Jetzt steht der Amerikaner Andrew Brunson in Izmir vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft sieht in dem evangelischen Pastor einen «Spion» und «Terroristen». Seit 18 Monaten sitzt Brunson in einem Gefängnis in der westtürkischen Stadt Izmir. Hier betreute Brunson die kleine christliche Gemeinde der Auferstehungskirche.

Nichtmuslimische ausländische Geistliche stehen in der Türkei unter besonderer Beobachtung, besonders aber des Geheimdienstes. Im Fall von Andrew Brunson blieb es aber nicht bei der Observation. Am 7. Oktober 2016, knapp drei Monate nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Staatschef Recep Tayyip Erdogan, wurden Brunson und seine Frau Norine zu einer polizeilichen Vernehmung vorgeladen und wegen unerlaubter Missionstätigkeit festgenommen. Norine Brunson kam zwei Tage später wieder frei, ihr Mann blieb aber in Gewahrsam. Zwei Monate später wurde er ins Hochsicherheitsgefängnis Aliaga verlegt. Gestern begann nun der Prozess in Izmir.

Brunson erschien vor Gericht in einem dunklen Anzug. Zum Auftakt des Verfahrens, das von US-Diplomaten und dem aus North Carolina angereisten Senator Thom Tillis beobachtet wird, hatte die Staatsanwaltschaft das Wort. Sie wirft Brunson in ihrer 62 Seiten umfassenden Anklageschrift Verbindungen zu Fethullah Gülen vor, dem in den USA im Exil lebenden muslimischen Prediger, der in der Türkei als Drahtzieher des Putschversuchs vom 15. Juli 2016 beschuldigt wird. Gülen, der aus seinem Exil in Pennsylvania ein weltweites Netzwerk von Bildungseinrichtungen, Stiftungen und Medien aufbaute, war lange ein enger Verbündeter Erdogans. Als Gülen zu mächtig wurde, kam es 2013 zum Bruch mit Erdogan.

35 Jahre Haft wegen Terrorismus und Spionage

Die Anklage bringt Brunson anhand von Mobilfunk-Bewegungsprofilen mit Bekir Baz in Verbindung, einem führenden Funktionär der Gülen-Bewegung in Izmir. Baz verliess die Türkei im Sommer 2015 und soll sich seither in den USA aufhalten. Brunson habe in seinen Predigten die Gülen-Bewegung gelobt und von der Organisation finanzielle Unterstützung erhalten, heisst es in der Anklage. Das ist aber nicht der einzige Vorwurf. Die Ankläger beschuldigen den Pastor, er habe von der Kanzel auch Propaganda für die kurdische Terrororganisation PKK gemacht. Der Geistliche, so heisst es in der Anklageschrift, habe Kurden zum Christentum bekehren wollen, um die Türkei zu spalten. Die Anklage stützt sich laut Staatsanwaltschaft unter anderem auf die Aussagen von drei «geheimen Informanten». Der Pastor bestreitet alle Vorwürfe. Wegen «Terrorismus» und «Spionage» drohen Brunson jetzt 35 Jahre Haft. Für den 50-Jährigen würde das praktisch lebenslang bedeuten.

Der Fall Brunson belastet die Beziehungen zwischen der Türkei und den USA. Im Februar forderten 37 Senatoren und 78 Kongressabgeordnete in einem Brief an Staatschef Erdogan die Freilassung des Geistlichen. Auch Präsident Donald Trump persönlich mahnte bei Erdogan eine «umgehende» Haftentlassung an – erfolglos. Die türkische Justiz schob sogar weitere Anklagepunkte gegen Brunson nach. Seit langem gibt es in den USA den Verdacht, die Türkei halte Brunson als Geisel gefangen, um die Auslieferung des Predigers Gülen zu erreichen. Erdogan selbst bestätigte diese Vermutung, als er Ende September 2017 den USA öffentlich anbot, Brunson gegen Gülen auszutauschen: «Auch ihr habt einen Pastor», so Erdogans Anspielung. «Gebt ihn heraus, dann werden wir euch den amerikanischen Pastor geben.»

Brunsons Anwalt Ismail Halavurt beteuert die Unschuld seines Mandanten. Es gebe keine Beweise gegen Brunson, ausser den Aussagen eines geheimen, anonymen Zeugen, «und der lügt». Halavurt will deshalb Freispruch beantragen. Brunson gehe es nach Aussage seines Anwalts zwar physisch gut, nach 18 Monaten Untersuchungshaft sei er aber psychisch in einem schlechten Zustand. In einem Brief an seine Frau schrieb Brunson: «Ich bin völlig entmutigt.»


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