Freiheit für Chelsea, die der Verräter Bradley war

WHISTLEBLOWER ⋅ Vielen gilt sie als Anklägerin von US-Kriegsgräueln. Doch verurteilt wurde sie für den grössten Landesverrat der USA. Heute wird die Gefreite Manning freigelassen.
17. Mai 2017, 14:42

Freiheit für Chelsea Manning nach sieben Jahren U-Haft und Gefängnis. 2013 war damals der US-Soldat Bradley Manning wegen Landesverrats zu 35 Jahren Haft verurteilt worden. Über 750000 diplomatische und militärische Dokumente hatte Bradley Manning der Enthüllungsplattform Wikileaks zugespielt. Der grösste Geheimnisverrat der US-Geschichte war es für Washington. Den Versuch, «die Welt zum Besseren zu verändern», nannte es Manning.

Nach dem Urteil outete sich Bradley Manning als Transgender-Mensch. Künftig wolle sie als Frau leben, erklärte nun Chelsea. Doch das US-Militär dachte nicht daran, den Wunsch nach einer neuen Identität zu erfüllen. Manning kam in ein Männergefängnis und sollte mit Zwangshaarschnitt und Einzelhaft zur Räson gebracht werden. Ein Leben schien doppelt zerstört. Ausserhalb der Häftlingsrealität des «Verräters» wurde nicht nur in den USA über Schuld und Verantwortung Mannings weitergestritten. Das von ihm weitergegebene Video aus dem Irak, das die Tötung von zwölf Menschen, darunter zwei Journalisten, aus einem US-Kampfhelikopter zeigte, hatte Manning viel öffentliche Zustimmung eingebracht. In der Haft aber war Chelsea nun verfemt und allein. Nach zwei Suizidversuchen und einem Hungerstreik hatte der scheidende US-Präsident Barack Obama ein Einsehen. Einen Tag vor dem Ende seiner Präsidentschaft milderte er Mannings Strafe um 28 Jahre. «Der Gerechtigkeit ist Genüge getan», argumentierte Obama. Sein Nachfolger Donald Trump machte via Twitter klar, was er von Chelsea Manning und der Gnade Obamas hielt: «Eine Verräterin, die nie aus der Haft entlassen werden sollte.»

Gegen alle Anfechtungen hat Manning in Haft um ihre Identität gekämpft. Sie erstritt sich eine Hormonbehandlung und den Beschluss eines Militärrichters, dass sie ihren Frauennamen auch gegenüber dem Pentagon und dem US-Militär führen darf. «Zum ersten Mal kann ich mir eine Zukunft als Chelsea vorstellen», schrieb sie damals aus der Haft. Und: «Freiheit war für mich über Jahre etwas, wovon ich träumte, es mir aber nie richtig vorzustellen wagte.»

Heute kommt Chelsea Manning nicht nur aus dem Gefängnis. Der Weg aus Fort Leavenworth in Kansas soll sie auch endgültig aus der von ihr als Gefangenschaft empfundenen Existenz als Mann befreien. Zwar bleibt sie vorläufig in der Armee – aber als Soldatin. Noch hat die Militärjustiz nicht über ihre Berufungsklage entschieden. Und so lange bleibt sie die Gefreite Manning. Wird ihre Verurteilung bestätigt, wird sie wohl unehrenhaft aus der Armee entlassen werden und ginge aller Versorgungs­ansprüche verlustig.

«Ich bin weder eine Verräterin, noch will ich als Heldin gesehen werden», sagt Chelsea Manning heute von sich. Sie habe nur getan, was richtig und notwendig war. Doch heute wolle sie nur noch sein dürfen, was sie eben sei, und für Gleichberechtigung eintreten. Ihr erster Wunsch in Freiheit: Mit Freunden tanzen gehen.

 

Walter Brehm


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