Berufswunsch Bundeskanzler

DEUTSCHLAND ⋅ Die CDU bereitet sich allmählich auf die Ära nach Merkel vor. In Stellung bringt sich Jens Spahn. Der Konservative wagt es immer mal wieder, sich gegen die Kanzlerin zu stellen. Geschadet hat es ihm nicht.
10. November 2017, 05:19
Christoph Reichmuth, Berlin

Christoph Reichmuth, Berlin

Bei den seit Wochen andauernden Sondierungsgesprächen für die neue deutsche Regierung sitzt Jens Spahn als Unterhändler für Finanzen mit am Tisch. Der 37-Jährige ist Präsidiumsmitglied der CDU, parlamentarischer Staatssekretär im Finanzministerium, seit 15 Jahren Mitglied des Bundestages und als Dauergast in deutschen Talkshows eines der bekanntesten Gesichter der Union. Für einige in der Partei ist er auch ein Hoffnungsträger.

Zeitungen sehen in Spahn die kommende Figur in einer Partei, die für die Ära nach Merkel nicht gewappnet ist. Merkel sitzt nach den Wahlverlusten im September nicht mehr unangefochten an der Parteispitze wie in den Jahren zuvor, viele in der Union blicken mit Sorge auf die Zeit nach Merkel, da es die Partei versäumt hat, vala­ble Nachfolger aufzubauen. Der ehrgeizige Spahn empfiehlt sich seit einiger Zeit selbst für höhere Aufgaben in der Partei. Das tut er, in dem er die konservative Klientel, welche die Union in den letzten Jahren teilweise verloren hat, zurückzugewinnen versucht.

«Ich bin liberaler Konservativer»

Spahn wirbt offen und ohne Absprache mit der Partei für ein Burka-Verbot, er formuliert Anforderungen an Migranten, die flott klingen, aber wenig durchdacht sind, wenn er sagt: Migranten sollten in Deutschland nicht als Erstes fragen, «wo kann ich einen Antrag stellen», sondern «wo kann ich anpacken.» Zudem kritisiert er angebliche Denk- und Redeverbote in der deutschen Gesellschaft. Wer auf Probleme in Bezirken mit hohem Migrantenanteil hinweise, «ist nicht gleich ausländerfeindlich. Wer die Ehe Mann und Frau vorbehalten möchte, ist nicht gleich ein Homo-Hasser.»

Spahn notabene lebt mit einem Mann in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft in einem Berliner Szenebezirk. Er sieht keinen Widerspruch darin, sich für Minderheitenrechte starkzumachen und trotzdem das Konservative zu betonen. «Ich bin liberaler Konservativer», sagt er über sich selbst.

Der politisch begabte Spahn hat es innerhalb weniger Jahre zu einem der einflussreichsten CDU-Politiker geschafft. Auf seinem Weg nach oben hat er es mehrmals gewagt, sich gegen die mächtige Kanzlerin und Parteivorsitzende Angela Merkel zu stellen. In der Flüchtlingskrise warf er Merkel etwa «eine Art Staatsversagen» vor, was ihm heftige parteiinterne Rüge eintrug.

Zwar betont der Hoffnungsträger der konservativen Unions-Wähler regelmässig seine Loyalität zur Kanzlerin, dennoch provoziert er die Parteivorsitzende munter weiter. Mitte Oktober tauchte Spahn an der Wahlparty des wohl künftigen österreichischen Bundeskanzlers Sebastian Kurz in Wien auf und twitterte ein Foto mit dem Wahlsieger. Das Bild fand flugs den Weg in die Medien, die Botschaft dahinter war klar: Präsidiumsmitglied Spahn sucht den Schulterschluss mit dem jungen ÖVP-Politiker, der sich in der Flüchtlingskrise gegen Merkel gestellt und seine ÖVP klar rechts positioniert hatte.

Vor allem bei jüngeren Parteimitgliedern beliebt

Dass Spahn in der künftigen «Jamaika»-Regierung aus CDU, CSU, Grünen und FDP einen Ministerposten erhalten wird, gilt als eher unwahrscheinlich. Ebenso wenig wahrscheinlich ist, dass ihn Merkel zu ihrem Generalsekretär macht – dafür, so heisst es, sei Merkels Misstrauen in den 1,91-Meter-Hünen zu gross.

Doch Merkel wird Spahn nicht einfach aus dem Weg räumen können – dafür hat dieser inzwischen eine zu grosse Fangemeinde, gerade bei jüngeren Parteimitgliedern. Spahns Chance liegt darin, dass er schon jetzt für die Generation in der CDU nach der Ära Merkel steht. Gut möglich, dass er vorderhand im Finanzministerium bleiben wird. Den Ehrgeiz für höhere Aufgaben jedenfalls scheint ihm angeboren. Als er vor 20 Jahren von seiner Lehrerin im Gymnasium nach seinem Berufswunsch gefragt worden war, soll der heutige Bankkaufmann und Politologe keck geantwortet haben: «Bundeskanzler.» Ob das nur eine Legende ist, ist unbekannt. Spahn jedenfalls hat das nie dementiert.


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