Venezuela kommt nicht zur Ruhe

VENEZUELA ⋅ Bei Protesten gegen Venezuelas sozialistischen Staatschef Nicólas Maduro hat es erneut gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften gegeben. In der Hauptstadt Caracas setzte die Nationalgarde Tränengas gegen tausende Demonstranten ein.
21. April 2017, 06:14

Einige von ihnen warfen am Donnerstag mit Steinen und Molotowcocktails. Auch in anderen Städten gab es Zusammenstösse. Die Opposition kündigte für Samstag weitere Proteste an.

"Ich bin müde, ja, aber man muss Mut haben", sagte der 22-jährige Student Aquiles Aldarzoro, der sich an den Protesten beteiligte. "Ich bin bereit, jeden Tag auf die Strasse zu gehen, wenn es notwendig ist."

Nach dem Einsatz von Tränengas und Gummigeschossen zogen sich die Demonstranten in Caracas weiter in den Osten der Stadt zurück. Einige junge vermummte Demonstranten blieben aber und bewarfen die Ordnungskräfte mit Steinen und Molotowcocktails, wie Journalisten der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Einige Demonstranten zündeten Mülleimer an, die Polizei setzte Wasserwerfer ein und liess einen Polizeihubschrauber kreisen.

Medienwirksame Inszenierung

Inmitten der Auseinandersetzungen baute sich ein nackter Demonstrant vor den Sicherheitskräften auf, der nichts als Sportschuhe und Socken trug. Er stieg auf ein gepanzertes Militärfahrzeug und rief offenbar mit Blick auf die Tränengasbomben: "Bitte werft keine Bomben mehr!" Staatschef Maduro machte sich im venezolanischen Fernsehen über diese Szene lustig und kritisierte den Auftritt als Show.

Weitere gewaltsame Zwischenfälle wurden aus den Städten Maracaibo, Valencia und San Cristóbal im Norden und Westen des Landes gemeldet. Als Vorsichtsmassnahme oder aus Solidarität mit den Regierungsgegnern blieben zahlreiche Hochschulen und Geschäfte am Donnerstag geschlossen.

Am Mittwoch waren bei den Massenprotesten in Caracas ein 17-Jähriger und in San Cristóbal eine 23-Jährige durch Kopfschüsse getötet worden. Augenzeugen zufolge wurden die Schüsse von Mitgliedern der "colectivos", von der Regierung bewaffnete zivile Gruppen, abgegeben. Nach Angaben der Regierung wurde zudem ein Soldat von Demonstranten getötet. Innenminister Nestor Reverol verkündete eine Festnahme im Zusammenhang mit der Tat in der Nähe von Caracas.

Pause für einen Tag

Für Freitag waren keine Proteste geplant. Die Opposition rief aber für Samstag zu einem landesweiten Schweigemarsch und für Montag zur "nationalen Blockade" von Strassen auf.

Die Regierungsgegner in dem erdölreichen lateinamerikanischen Land machen Maduro für die seit langem andauernde Wirtschaftskrise verantwortlich. Sie kämpfen für ein Referendum über eine Amtsenthebung des Sozialisten, dessen Präsidentschaft regulär noch bis 2019 dauert.

Maduro sagte am Donnerstag, die Opposition habe sich nun auf verschiedenen Wegen zu einem Dialog bereit erklärt. Oppositionsführer Henrique Capriles wies dies zurück und schrieb im Kurzmitteilungsdienst Twitter, nur Neuwahlen würden einen Dialog ermöglichen.

Der gewaltsame Konflikt in Venezuela sorgt international für Besorgnis. Die Europäische Union rief am Donnerstag zur "Deeskalation" auf. UN-Generalsekretär Antonio Guterres forderte,"dass alle Anstrengungen unternommen werden, um die Spannungen zu verringern und neue Auseinandersetzungen zu verhindern". Neun lateinamerikanische Länder, darunter Argentinien, Brasilien und Kolumbien, kritisierten in einer gemeinsamen Erklärung "den Verlust weiterer Leben" in Venezuela.

Geld an den Klassenfeind

Mitten in den Kämpfen wurde zudem bekannt, dass Venezuela trotz der enormen Wirtschaftskrise eine Grossspende für den Wahlkampf von Donald Trump geleistet hat. Der Erdölkonzern Citgo, der dem venezolanischen Staatskonzern PDVSA gehört, hat 500'000 Dollar für die Vereidigungsfeier von US-Präsident Trump gestiftet. Das geht aus einer nun veröffentlichten Übersicht der US-Wahlkommission hervor. Demnach war es eine grössten Spenden unter den insgesamt 106 Millionen US-Dollar, die für die Feier zum Amtsantritt Ende Januar zusammenkamen.

Die USA sind trotz aller Spannungen mit den seit 1999 in Caracas regierenden Sozialisten der wichtigste Abnehmer von Erdöl aus Venezuela. (sda/afp/dpa)


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