Oma Gertrude kämpft gegen die Rechten

WAHLKAMPF IN ÖSTERREICH ⋅ Die Österreicher wählen am Sonntag ihren neuen Bundespräsidenten. Die 89-jährige Pensionistin Gertrude aus Wien setzt sich nun mit einem Video für den 72-jährigen Kandidaten Alexander Van der Bellen ein. "Das Niedrigste aus den Menschen rausholen, das war schon mal da. Davor fürchte ich mich", sagt sie.

30. November 2016, 09:14
Oma Gertrude, eine 89-jährige Pensionistin aus Wien, mischt sich in den Wahlkampf um den Bundespräsidenten ein. Sie bat Alexander Van der Bellen, den Kandidaten der Grünen, ein Videostatement von ihr zu veröffentlichen, welches er am 25. November auf Facebook gepostet hatte. Dort ist die Wienerin inzwischen ein Star - rund vier Millionen mal wurde das Video bereits angeklickt. Sie kämpft gegen den rechten Kandidaten Norbert Hofer. Am meisten störe sie das Runtermachen, das Schlechtmachen. "Keine Achtung vor den anderen, das Niedrigste aus den Leuten herausholen, nicht das Anständige - das war schon einmal der Fall", sagt sie. Früher hätten die Wiener die Juden ausgelacht, als diese die Strassen putzen mussten. Das versuche man wieder aus den Menschen herauszuholen. "Das schmerzt mich, das fürchte ich", sagt die Frau mit jüdischen Wurzeln, deren Eltern und die beiden Brüder in Ausschwitz ums Leben kamen.

Mit sieben Jahren die ersten Toten gesehen
Wenn FPÖ-Bundespräsident Heinz-Christian Strache von Bürgerkrieg rede, laufe es ihr kalt über den Rücken. "Ich habe mit sieben Jahren einen Bürgerkrieg erlebt und die ersten Toten gesehen - leider nicht die letzten. Das habe ich nie vergessen. Wie kann ein Politiker nur so ein Wort in den Mund nehmen. Das geht nicht." Van der Bellen sei ruhig, besonnen, für Gleichberechtigung und Frieden - vielleicht sei er aufgrund seines Alters reifer und vernünftiger. Deshalb stimmt die 89-Jährige für ihn.


Ein paar Tage nach der Veröffentlichung hat sich Gertrude via Facebook bei den Östereicherinnen und Österreichern für das Interesse bedankt. "Ich bin freudig überrascht, dass die Worte einer alten Frau ernst genommen werden. Ich bin überwältigt von der enormen Resonanz."

Pannenreicher Wahlmarathon
Nach dem ersten Wahlgang vom 24. April 2016 hätte Österreich eigentlich bereits am 22. Mai einen neuen Bundespräsidenten bekommen sollen. Der Grüne Alexander Van der Bellen entschied damals die Wahl für sich. Der unterlegene Kandidat Norbert Hofer (FPÖ) reichte jedoch eine Beschwerde ein. Der Verfassungsgerichtshof ordnete die Wiederholung des zweiten Wahlgangs ein. Zunächst war dafür der 2. Oktober vorgesehen. Nach einer Panne bei der Herstellung von Briefwahlunterlagen wurde der Wahltermin schliesslich auf den 4. Dezember verschoben. (maw)

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