Fidel träumte von Baseball

KUBA ⋅ Jesuitenschüler, Jurist, Guerillero, Staatsmann und Sportfan: Fidel Castro, der die Karibikinsel Kuba in die Weltgeschichte katapultierte, ist tot. Die Geschichte wird ihn wohl nur bedingt freisprechen.

27. November 2016, 12:00
Walter Brehm
Nun hat ihn seine düsterste Parole er-eilt: «Socialismo o Muerte» – Sozialismus oder Tod. Ein halbes Jahrhundert lang hat der ewige Revolutionär Fidel Castro Kuba beherrscht und dieser Parole nachgelebt.
Berufsrevolutionäre werden aber nicht als solche geboren, sondern als Buben mit ganz normalen Bubenträumen. Jener von Fidel Castro war es, Baseball-Profi zu werden. Ein US-amerikanischer Bubentraum.

Aufgewachsen sind Fidel Castro und sein Bruder  – wie damals nur wenige kubanische Buben – als Sprösslinge einer wohlhabenden Grundbesitzer-Familie. Seine Schulbildung bekam Fidel im Schosse der katholischen Kirche, in ei-ner Jesuiten-Schule. Später studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Havanna und wurde Anwalt. Politisch war Fidel damals ein Demokrat, engagiert gegen Korruption und soziale Ungleichheit. Er kandidierte 1952 für das kubanische Parlament. Wäre er gewählt worden? Man weiss es nicht. General Fulgencio Batista verhinderte die Wahlen mit einem Militärputsch.

Vom Gefängnis zur Revolution
Es war das Ende des Demokraten Castro. Ein Jahr später organisierte Fidel mit seinem Bruder  und einer Handvoll Mitstreitern den Sturm auf die Moncada-Kaserne in der Stadt Santiago de Cuba unweit seines Geburtsortes Biran – und scheiterte. Fidel wurde zu einer langjährigen Haftstrafe verurteilt, nachdem er in Selbstverteidigung erklärt hatte: «Die Geschichte wird mich freisprechen.» Aus der Haft befreite ihn 1955 aber eine Amnestie. Castro ging nach Mexiko ins Exil. Diktator Batista machte Kuba derweil zum Casino und Bordell der US-Mafia Cosa Nostra – zu einem Gangster-Staat. Grund genug für Fidel Castro, erneut Getreue um sich zu scharen – darunter den argentinischen Arzt Ernesto «Che» Guevara.

82 Kämpfer machten sich 1956 auf, Kuba zu befreien. Mit der Yacht «Granma» landeten sie am 26. Juni auf Kuba. Das Datum wurde zum Namen ihrer Bewegung.  Fidel, Raúl und Che führten sie nach einem dreijährigen Kleinkrieg in der Silvesternacht auf 1959 in die Hauptstadt Havanna an die Macht. Die Kommunistische Partei Kubas war an der Revolution nicht beteiligt. Noch während des Guerillakrieges hatte Fidel Castro 1958 erklärt: «Ich bin kein Kommunist und bin auch keiner gewesen. Wenn ich einer wäre, hätte ich den Mut, es zu verkünden.»

«Mit der Revolution geht alles, gegen die Revolution nichts»
Kommunismus hin oder her: Einmal an der Macht, verkündete Fidel eine Parole, die den autoritären Charakter der neuen Herrschaft bereits 1961 andeutete: «Mit der Revolution geht alles, gegen die Revolution geht nichts.» Castro lancierte nicht nur eine Bodenreform zuungunsten kubanischer Grossgrundbesitzer, er nationalisierte auch US-Landgüter und Hotels. Im sich zuspitzenden Kalten Krieg zwischen den von den USA und der Sowjetunion geführten Blöcken war das Urteil schnell gefällt. Die USA verhängten umfassende Wirtschaftssanktionen gegen die Insel. Moskau sprang gerne in die Versorgungslücke.
   
Im amerikanischen Miami, wohin viele Gegner Castros, aber auch in Ungnade gefallene Kampfgefährten  geflüchtet waren, mangelte es nicht an Zeugen, die versicherten: Castro habe nie etwas anderes im Sinn gehabt als eine kommunistische Diktatur. Washington, das nur fünf Jahre zuvor Guatemala angegriffen hatte, weil dort die bürgerliche Regierung die «United Fruit Company» enteignet hatte, wollte nun auch Kuba «befreien». Eine vom Geheimdienst CIA konzertierte Invasion von Exilkubanern in der Schweinebucht scheiterte aber kläglich.

Doch nun forderte die Sowjetunion den Preis für ihre Freundschaft. Moskau sah auf Kuba die Chance, vor der US-Küste eine atomare Drohkulisse gegen Washington aufzubauen. Darauf mussten die USA regieren. Es wurde ein gefährliches Spiel, das die Welt an den Rand eines Atomkrieges führte. Mit einer Seeblockade erzwangen die USA den Rückzug sowjetischer Raketen. Ein Sieg für den jungen US-Präsidenten John F. Kennedy. Fidel erklärte beschönigend: «Die UdSSR hat nicht gezögert, zur Verteidigung unseres kleinen Landes das Risiko eines schweren Krieges auf sich zu nehmen.» Kuba war nun international abgestempelt. Ein kommunistisches Land, in dem Castro die bis dato kleine KP Kuba im Handstreich übernahm und zur Staatspartei der «Diktatur des Proletariats» machte. Auf der Insel ging nun alles seinen sozialistischen Gang: Parteiapparat, Geheimpolizei und Folter.

Ein System stirbt an Altersschwäche
Gleichzeitig aber blieb das Regime des «Máximo Líder» in Kuba populär. Kostenlose medizinische Versorgung durch hervorragend ausgebildete Ärzte und Pflegefachleute funktionierten trotz Finanzmangel und veralteter Gerätschaften. Und der Analphabetismus, von dem vor der Revolution mehr als die Hälfte der Bevölkerung betroffen gewesen war, wurde in wenigen Jahren überwunden.

Doch das System Castro begann an Altersschwäche zu leiden – zuvorderst der «Máximo Líder» selber. Er wurde schwächer, gebeugter, und seine Stimme verlor die Kraft, mit der er jahrzehntelang die Massen in seinen Bann gezogen hatte. Aber Fidel blieb sich treu – bis hin zur Alterssturheit: «Die Ideen, für die ich ein Leben lang gekämpft habe, können nicht sterben», erklärte er noch 2003 an der Kundgebung zum 1. Mai.
Eine schwere Darmoperation zwang Fidel 2006 jedoch, die Macht im Lande seinem Bruder Raúl zu übergeben. Und Raúl zollte der Realität Tribut. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Scheitern des Öl-Sozialismus des Hugo Chávez verschärfte sich das wirtschaftliche Ausbluten Kubas derart, dass erste marktwirtschaftliche Reformen eingeführt werden mussten.

Gegen die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit den USA leistete Fidel Castro dann nur noch wenig beachteten Widerstand in der Parteizeitung «Granma». «Wir haben es nicht nötig, dass das Imperium uns etwas schenkt.»

Fidel Castro bleibt nun erspart, was die meisten Kubaner hoffen: Dass sich der Superkapitalist Donald Trump als US-Präsident gegenüber Kuba als cleverer Geschäftsmann verhält und nicht als sturer Ideologe. Die Parole «Sozialismus oder Tod» hat sich gegen den «Máximo Líder» gewandt. Er ist tot und der Sozialismus nur noch Staffage.

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