KOMMENTAR

Der Weltkrieg der Jihadisten

Walter Brehm, Ausland-Redaktor. Zoom

Walter Brehm, Ausland-Redaktor. (Urs Bucher)

Die Anschläge in Brüssel und im westafrikanischen Mali von gestern bestätigen die bittere Wahrheit, dass schärfere Gesetze und eingeschränkte bürgerliche Rechte keine Sicherheit vor Terror garantieren.

23. März 2016, 08:46
Walter Brehm

Da wurde Papst Franziskus nicht ganz ernst genommen, als er dem internationalen Jihadismus vor Monaten vorgeworfen hatte, einen Weltkrieg zu führen. Faktum ist, die Terroristen des sogenannten Islamischen Staates (IS) und der Al Qaida mit ihren diversen Filialen begreifen ihren Jihad genau als solchen. Der «wahre Islam» gegen den Rest der Welt; ungläubige Westler und fehlgläubige Moslems sind ihre Angriffsziele – im Nahen und Mittleren Osten genau so wie in Südostasien, Afrika, Europa oder in den USA.

Jederzeit und überall zuschlagen

Erschreckend überzeugend haben die Jihadisten gestern ihre Fähigkeit, jederzeit und weltweit zuschlagen zu können, in Brüssel und in Mali demonstriert. In der belgischen Hauptstadt und EU-Metropole Brüssel wirkt der Schock über die Angriffe auf den Flughafen Zaventem und eine Brüsseler Metro-Station besonders schwer.

Nur Tage nach den euphorischen Erfolgsmeldungen zur Verhaftung des mutmasslich einzigen überlebenden Terroristen der Anschläge in Paris vom vergangenen November sind mutmasslich für den IS mordende Verbrecher in der Lage, an einem Morgen in Brüssel Angriffe mit über zwei Dutzend Todesopfern und Hunderten Verletzten zu verüben. Das kann als ein quälender Beweis dafür gesehen werden, dass alle Sicherheitsmassnahmen und Gesetzesverschärfungen, die europäische Staaten in den vergangenen Monaten ergriffen haben, nichts nützen. Diese Sicht der Dinge ist aber mit Fug und Recht in Frage zu stellen. Niemand weiss, wie viele Opfer ohne diese Massnahmen mehr zu beklagen wären. Dennoch: Die Terrorangriffe von gestern machen noch einmal klar: hundertprozentige Sicherheit vor Terror gibt es nicht.

Die Jihadisten wähnen sich selber als Opfer

Die Wahrheit für Paris und Brüssel – und für jede europäische Stadt – ist die bittere Erkenntnis: Die Aufrüstung von Geheimdiensten und Polizei und vielleicht auch die Verschärfung von Gesetzen dürfte zwar für längere Zeit notwendig sein, aber der Terrorismus allein ist damit nicht zu besiegen.

So sind die Mordtaten von gestern und jene der vergangenen Monate in Europa auch eine Mahnung, dass die Bekämpfung des Terrorismus allein mit Repression und gar mit der Einschränkung bürgerlicher Freiheiten insofern kontraproduktiv ist, als sie der Strategie der selbsternannten «Gotteskrieger» entgegenkommen. Wer aus religiösem Wahn, allein im Besitz göttlicher Wahrheit zu sein glaubt, dem fällt es leicht, stets sich selber als Opfer zu verstehen, das «legitimen» Widerstand leistet. Widerstand gegen einen imaginierten Krieg des Westens gegen den Islam als solchen.

Weg zum Terror führt auch über europäische Realität

Rechtspopulisten in ganz Europa sind in diese Falle der Jihadisten getappt, Moslems und den Islam unter Generalverdacht zu stellen. Ein scheinbar nützliches Instrument, um gegen Flüchtlinge und Armutsmigranten zu hetzen. Zuweilen aber auch einfach die Verdrängung der Realität, dass die Terror-Täter in Europa nicht in erster Linie als Flüchtlinge getarnte Schläfer sind, sondern in ihrer erdrückenden Mehrheit junge Männer und Frauen, die in Europa am Rand unserer Gesellschaften aufgewachsen sind. Und jene, die Europas Regierungen zu Recht fürchten, die aus Syrien und Irak zurückkehrenden Jihad-Reisenden, sind in ihrer Mehrheit europäische Konvertiten.

Die Frage aber, wie es sein kann, dass Europa so vielen Jugendlichen und jungen Erwachsenen keine Alternative zur Flucht in eine pervertierte Religiosität zu bieten hat, bleibt allzu oft unbeantwortet. Wer sich dieser Frage aber nicht stellt, wird mit der Tatsache leben müssen: Jederzeit kann es überall jeden treffen. Die Jihadisten führen mit verführten und verblendeten Fusssoldaten einen globalen Krieg.

Terror ist perverse Gewalt, aber der Weg dahin führt auch über europäische Realität, die kein Polizeiaufgebot verändern kann.

walter.brehm@tagblatt.ch

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