Der Gier den Riegel schieben

Der aus Südindien stammende Impulstrainer und Künstler Jolly Kunjappu tritt am kommenden Montag am Frauen-Businesstag in Vaduz auf. Seit vielen Jahren ist der 65-Jährige ein gefragter Redner an Wirtschaftsforen.
29. September 2015, 02:36
BRIGITTE SCHMID-GUGLER

Herr Kunjappu, Sie bezeichnen sich als Impulstrainer. Was muss man sich darunter vorstellen?

Jolly Kunjappu: Ich plädiere bei meinen Auftritten für mehr Menschlichkeit und für weniger Gier. Als langjähriger Coach und Trainer für Führungskräfte in internationalen Unternehmen tätig, weiss ich, wie diese Menschen ticken. Deshalb holen sie mich ja. Ich sage: «Wagen Sie etwas! Wenn sie es nicht probieren, dann werden Sie es nie erfahren. Es geht um Sie. Sie arbeiten nicht für eine Firma, Sie arbeiten für sich, für Ihr eigenes Glück.» Es sind meist sehr kluge, brillante Menschen, vor denen ich meine Reden halte. Sie wissen, dass sie in einem schwierigen Umfeld tätig sind.

Was läuft Ihrer Meinung nach falsch in der Wirtschaft?

Kunjappu: Es geht darum, zu erkennen, dass finanzielle Gewinnmaximierung nicht das einzige Ziel sein kann, es braucht das Glücklichsein. Sowohl die Mitarbeitenden als auch die Firma sollen nicht nur auf der materiellen Ebene, sondern als Menschen glücklich werden. Das ist das Ziel. Die Wirtschaft ist da, damit es den Menschen in Zukunft besser geht, nicht umgekehrt.

Doch die Strukturen in den Betrieben sprechen in den meisten Fällen eine andere Sprache. Reduktion ist gar nicht sexy.

Kunjappu: Sollen sie so denken. Aber ich bin auch da. Warum soll ich ihre Sprache sprechen? Ausserdem kann ich beweisen, dass ich mit meiner Philosophie sowohl ein erfolgreicher Unternehmer als auch ein erfolgreicher Mensch bin. Meinen Mitarbeitern geht es gut, mir geht es gut.

Wer sind Ihre Mitarbeiter?

Kunjappu: Ich führe in München seit bald zehn Jahren ein indisches Restaurant. Ich sage meinen Mitarbeitern: «Verkauft kein Essen, verkauft Happiness!» Ich weiss sehr wohl, dass wir genügend Profit machen müssen. Doch Profit ist, wenn alle Beteiligten gewinnen. Wenn nur einer gewinnt auf Kosten der anderen, geht das langfristig nicht gut. Warum sind meine Mitarbeiter nie krank, warum gibt es keine Fluktuation? Weil sie glücklich sind. Nicht nur, weil sie gerne zur Arbeit kommen, sie gehen auch gerne wieder heim. Das ist auch richtig so, denn: Es gibt ein Leben nach der Arbeit, aber keine Arbeit nach dem Leben.

Wie können Mitarbeitende in oft zermürbenden beruflichen Prozessen vermeiden, krank zu werden?

Kunjappu: Das ist eine berechtigte Frage. Ich habe als Individuum immer die Möglichkeit, mich zu entscheiden. Das heisst, innerhalb eines Arbeitsprozesses kann ich eine Aufgabe gerade gut genug oder besser als erwartet ausführen. Doch das setzt natürlich voraus, dass Führungskräfte das Entwicklungspotenzial ihrer Mitarbeitenden erkennen und fördern. Es braucht Querdenker, positiv denkende Persönlichkeiten.

Wie wurden Sie zu einem Querdenker?

Kunjappu: Mein Vater hatte ein sehr erfolgreiches Transportunternehmen. Doch es gelang ihm nicht, ein gutes, professionelles Team um sich zu bilden. Er verlor alles, wir verarmten komplett. Als Kinder hatten wir Hunger und nichts zu essen. Deshalb verstehe ich Menschen, die Hunger leiden, es ist beschämend, zu sagen, dass man hungrig ist. Wer Hunger nie gekannt hat, unterschätzt die Lage dieser Menschen.

Was hatte ihr Vater falsch gemacht?

Kunjappu: Weil er sehr gläubig war, dachte er, Gott würde ihm helfen, er las oft im Buch von Hiob – Gott hat gegeben, Gott hat genommen. Er war der Meinung, Gott würde wieder etwas zurückgeben. Ich dachte: «Mensch, Papa, vielleicht wäre es besser, ein anderes Geschäftsmodell zu entwickeln, anstatt zu warten, bis Gott dir hilft.» Ich habe für mich sehr viel von der Niederlage meines Vaters gelernt im Sinne von Säulen errichten: Genügend Säulen ergeben eine stabile Decke. In der Wirtschaft heisst das: gut ausgebildetes Personal, ein offenes Kommunikationssystem, Wertschätzung auf allen Ebenen.

Klingt theoretisch gut, in der Praxis sieht es oft anders aus.

Kunjappu: Ich rede aber als praktisch denkender Mensch. Mit 17 hatte ich in Indien einen Catering-Service aufgebaut mit 35 Mitarbeitenden. Es lief ausgezeichnet, ich verdiente sehr viel Geld. An einem dieser Anlässe lernte ich einen deutschen Konsul kennen. Er riet mir, für ein weiterführendes Hotelmanagement-Studium nach Deutschland zu gehen, und half mir dabei, ein Visum zu bekommen. So kam ich nach Europa – und war plötzlich wieder ein armer Mann, arbeitete als Kellner und als Musiker.

Apropos Musik: Sie nahmen Platten auf mit den Rolling Stones – wie kam das?

Kunjappu: Ich spielte schon in Indien als Percussionist in einer Band. Eines Tages las ich in München in der Zeitung, dass die Rolling Stones für Plattenaufnahmen in die Stadt kommen. Es war Poker: Ich rief in ihrem Hotel an, verlangte Mick Jagger am Telefon und sagte: «Ich bin Inder, spiele Percussion. Falls Sie mich brauchen können – ich bin hier!» Am nächsten Tag stand ich im Tonstudio.

Die Kunst musste dann doch hinter den Geschäftsmann zurücktreten.

Kunjappu: Ich habe Management und Marketing studiert, ich male, ich mache Musik, ich besitze Immobilien, ein Restaurant – es sind alles nur Herzensangelegenheiten. Für manche Sachen bezahle ich Geld, für andere bekomme ich Geld. Ich habe keine Religion, keinen Teufel, keine Feinde. Goethe sagte: «Denken ist wichtig, aber das Tun entscheidet.» Geld ist nicht teuflisch, nur, was man mit Geld macht, kann teuflisch werden. Das heisst, ohne materielles Denken geht es nicht, doch wir können lernen, das Materielle anders zu kanalisieren. Die Kardinalfrage ist, ob wir als Menschen überhaupt lernfähig sind. Doch unser Planet braucht Zukunftspläne einer Weltgemeinschaft, sonst laufen wir in eine Einbahnstrasse, die Schweiz genauso wie China, Indien, Deutschland, Amerika.

Sie denken in den Strukturen des Kapitalismus, ist dieses System überhaupt zukunftweisend?

Kunjappu: Ich nenne mich einen Soziokapitalisten, dessen Philosophie lautet: Wer etwas hat, darf sich nicht scheuen, auch zu geben.

Geht es um mehr Bescheidenheit?

Kunjappu: Ich habe ein neues Wort kreiert für Bescheidenheit: Anspruchsvolle Bescheidenheit. Doch was heisst es, weniger zu haben, weniger zu brauchen? Ökonomisch gesehen gäbe es kein Wirtschaftswachstum, wenn alle Menschen vernünftig wären. Doch es gibt einen markanten Unterschied zwischen Unvernunft und Gier. Wir müssen lernen zu teilen.

Das hat schon Jesus gesagt.

Kunjappu: Dieses Denken ist in allen Religionen. Selbstverantwortung übernehmen, mündig sein. Nur die Interpretationen laufen in eine fatale Richtung. Es ist beschämend. Welche Religion ist von Gott auserwählt? Kein Mensch kann sich über einen anderen stellen.

Wie begann das mit Ihrer Vortragstätigkeit?

Kunjappu: Ich war 20 Jahre lang Coach von BMW-Führungskräften. Was ich im Managementstudium gelernt habe, ist alles Kindergarten. Als praktischer Mensch gilt für mich: Um ein Projekt zu starten, braucht es Menschen, keine Kängurus. Will heissen, das beste Potenzial, das man aus den Menschen herausholen kann, ist, ihnen die Angst zu nehmen. Mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Auf der gleichen Ebene sind dann auch die Herzen. Diese Überzeugung schöpfte ich aus den langjährigen wirtschaftlichen und künstlerischen Erfahrungen und formte sie in einer präzisen Form zu einem Impulsvortrag.

In Vaduz werden Sie vor einem ausschliesslich weiblichen Publikum auftreten.

Kunjappu: Ich versuche, das Frau/Mann-Bild wegzukriegen. Nicht als Mann, nicht als Frau, nicht als Inder, nicht als Wirtschaftsberater, nicht als Künstler, sondern als Mensch anwesend zu sein und andere Menschen zu berühren. Sie sollen nicht nur verstehen und sehen, sie sollen spüren, dass etwas passiert.


Leserkommentare

Anzeige: