Herisau–Tüfenau–Zellersmüli–Fennhof–Gossau– Lätschen–Andwil–Ronwil–Hauptwil

Melancholie-Pfad zu Hölderlins Frühlingsklause

Grau, Blau, Weiss mit unterschiedlichen Braunanteilen: Das sind die Grundfarben dieser Wanderung in der Karwoche 2013. Auch als Robert Walser am 2. Januar 1944 zusammen mit Carl Seelig von Herisau nach Hauptwil aufbrach, lag auf der Strasse eine «leichte Schneedecke».
28. März 2013, 00:22
Grau, Blau, Weiss mit unterschiedlichen Braunanteilen: Das sind die Grundfarben dieser Wanderung in der Karwoche 2013. Auch als Robert Walser am 2. Januar 1944 zusammen mit Carl Seelig von Herisau nach Hauptwil aufbrach, lag auf der Strasse eine «leichte Schneedecke». Die Glatt mag gemurmelt haben wie heute, Autobahn und Spray-Kommentar gab es nicht. Nach Andwil kommt mit einer Mischung von Wiesen, Wald und Bauernhäusern der schönste Wegabschnitt. In Hauptwil erinnert das Sprungbrett im Weiher an die warme Jahreszeit. Freundliche Bewohner führen einem in die Hölderlingasse, wo der Dichter drei Monate verbrachte. (kl)
 









 


Die Wanderung im Überblick

Start und Ziel: von Herisau nach Hauptwil
Wanderzeit: 4 Stunden
Weglänge: 15,3 km
Gesamtaufstieg: 253 m
Gesamtabstieg:  438 m
Ausrüstung: Wanderschuhe
Gaststätten: Sternen, Schwänberg, 0713511916 Toggenburg, St. Gallerstrasse 54, Gossau, 0713851438 Schönau, Andwil, 0713856782 Löwen, Hauptwil 0714209563
Parkplätze: In Herisau und Hauptwil beim Bahnhof
Öffentlicher Verkehr: S-Bahn ab Herisau und Hauptwil
Kartenmaterial: Wanderkarte St. Gallen und Umgebung, 1:25000
 
1 Vom Bahnhof Herisau geht es durch einen Autotunnel Richtung Süden. Nach dem Überqueren von allerlei Zubringerstrassen wandert man die Degersheimerstrasse hinaus, wo linker Hand die Psychiatrische Klinik auftaucht. Von hier ist am 2. Januar 1944 Robert Walser zusammen mit Carl Seelig aufgebrochen, um die 15 Kilometer nach Hauptwil unter die Füsse zu nehmen. Die Strasse sei «mit einer leichten Schneedecke gepudert», heisst es in den «Wanderungen mit Robert Walser» von Seelig.
 
2 Bei der Tüfenau geht es rechts weg in Richtung Zellersmüli, vorbei an einsam stehenden Häusern. Kein Mensch ist zu sehen, der Schnee fällt wie ein Vorhang vom Himmel. Wer Zeit und Hunger hat, zweigt noch rasch Richtung Schwänberg ab und genehmigt sich im dortigen Restaurant einen Schlorzifladen. Zurück auf dem Weg, geht es steil abwärts zur Glatt.
 
3 Was nicht weiss ist, ist graublau. Ausser einigen gelblichen Weidenkätzchen, die nach der Zellersmüli an der Glatt spriessen. Nach einigen Metern dem Fluss entlang geht es aufwärts, linker Hand liegt der Marstalweiher in sich gekrümmt. Wie mit einer Ausstechform aus der Landschaft herausgeschnitten sieht er aus, in der Mitte eine Insel.
 
4 Nach ein paar weiteren Metern tauchen der Fennhof und Einfamilienhausquartiere auf. Die sogenannte Zersiedlung frisst sich von Gossau Richtung Herisau.
 
5 «Robert zeigt mir mit Behagen den alten, schönen Dorfteil von Gossau. Die meisten Leute befinden sich in der Kirche, es ist sehr still.» So beschreibt Seelig die Wanderung durch Gossau. Im März- Schnee ist Gossau pflotschig und automobil, die Durchgangsstrasse macht mit lila Punkten auf sich aufmerksam. Unfreiwillig ironisch kommt das Haus «Bürgli-Galerie» an der Bahnhofstrasse daher. An einem Fenster hängt eine Werbung für «Nailcosmetik» und an die Hauswand ist «Jesus ist Sieger» gesprayt. Dieser wurde bekanntlich mit Nägeln ans Kreuz geschlagen.
 
6 Unter der rauschenden Autobahn durch geht es weiter ins idyllische Fürstenland hinein. Hier lebt die Landwirtschaft noch. In Lätschen stehen Kühe und Rinder im Schnee, vor Bauernhöfen fordern Warnschilder die Autofahrer zu angemessenem Tempo auf. Bereits ist in der Ferne der Zwiebelturm der Andwiler Kirche zu sehen.
 
7 Ein paar Meter neben der Kirche wirbt eine Metzgerei mit heissem Fleischkäse und Pferdefleisch. Nach dem Schulhaus geht es rechts weg.
 
8 «Robert äussert, Regen sei ihm oft willkommen. Er mache die Farben und Gerüche intensiver», schreibt Seelig. Das gilt auch für den Schnee. In Oberarnegg ist ein Bauer am Bschütten und zeichnet damit ein riechendes Muster in die Landschaft. Ein gesprächiger Senior erklärt, dass es kaum mehr Birnbäume gebe in der Region. Und auch gedörrte Birnen, einst hoch im Kurs, bekomme man kaum mehr.
 
9 Der Weg durch den Schneewald ist ein Märchen. Gerne würde man in Ronwil in einer Beiz einen Halt einlegen, aber die «Heimat» sieht sehr geschlossen aus.
 
10 Vorbei an einer «Golfplatz betreten verboten»-Tafel nähert man sich Hauptwil. Als erstes sind die Öltanks zu sehen, man lässt sie links liegen und trifft im malerischen Ort ein. Der graublaue Weiher, in dem die Schüler mit einer entsprechenden Einführung fischen dürfen, lädt nicht zum Bade, sondern zur melancholischen Betrachtung über winterliche Seelenzustände. Mit ein wenig Nachfragen findet man zur Hölderlingasse und zu einer Tafel, die an ihn erinnert. Robert Walser sagt auf die Frage, ob er diese ansehen möge: «Nein, nein, um ein solches Plakatgeschrei kümmern wir uns lieber nicht.» Und doch ist es eigenartig, an diesem Ort zu sein. Beim Blick in den schönen Garten fragt man sich: Wie lebte es sich hier vor über 200 Jahren? (kl)

 
 

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