Mit der gemeinsamen Erklärung der Europäischen Bildungsminister vom 19. Juni 1999 in Bologna wurde ein Prozess eingeleitet, der das Hochschulwesen in Europa vergleichbar machen und die Durchlässigkeit von Hochschulstudien wesentlich erhöhen soll.
Angesichts der Globalisierung und der zunehmenden Mobilität der Arbeitskräfte ist der «Bologna-Prozess» zu begrüssen. Allerdings machen die studentischen Demonstrationen der letzten Wochen deutlich, dass er sich nicht problemlos entwickelt.
Ob die studentischen Proteste jedoch allein durch die Bologna-Entwicklung begründet sind oder ob sie nur einen Teil einer allgemeinen studentischen Unzufriedenheit (zu wenig Studienplätze, Studiengebühren) darstellen, muss hier offen bleiben. Wichtig ist nur, dass sich die Behörden und Hochschulgremien der «Bologna-Probleme» annehmen müssen. Sicher falsch ist es, für die Fehlentwicklungen allein die Politik verantwortlich machen zu wollen. Ebenso viel Verantwortung tragen die vielen Kommissionen, die durch Professoren besetzt sind und die «Bologna-Bürokratie» selbst auch verstärken (z. B. Akkreditierungsräte oder die vielen Koordinierungsinstanzen). Nicht unschuldig sind auch einzelne Hochschulrektoren, welche «Bologna» zur eigenen Profilierung zu rasch durchzusetzen versuchten, um sich selber zu profilieren. Eine faire Beurteilung des «Bologna-Prozesses» setzt eine grosse Differenzierung voraus. Dies soll hier anhand von vier Aspekten versucht werden.
1. Der «Bologna-Prozess» erforderte umfassende Studienreformen, welcher den Hochschulen jedoch viel Freiraum belässt. Viele Hochschulen – etwa die Universität St. Gallen – haben deutlich bessere Studienpläne erarbeitet. Andere Hochschulen begnügten sich mit einer Umformulierung des Bestehenden und machen nun für ihr Ungenügen «Bologna» verantwortlich. Einzig kritisch ist der Zwang zur Modularisierung des Studiums, die zu einem von den Hochschulen verschuldeten Dogma geworden ist, ohne genau zu definieren, was Module sind, und wie sie lerntheoretisch wirksam auszugestalten sind. Eine Ausnahme stellen die Vorgaben der Fachhochschulkonferenz der Schweiz dar, welche ein Gesamtkonzept entworfen hat, welches aber die Gestaltungsfreiheit der Studienpläne wesentlich beschränkt. Ob insgesamt die neuen Studienpläne zu besseren Lernerfolgen führen, ist noch nicht gesichert.
2. Sinnvoll sind die über die ganze Studienzeit lernbegleitend durchzuführenden Prüfungen mit Kreditpunkten (ECTS-Punkte), denn damit erhöht sich der Lernerfolg nachweislich. Falsch ist es aber – wie es teilweise der Fall ist – auf zusammenfassende Schlussprüfungen zu verzichten, weil dadurch nur noch atomistisch gelernt wird. Dazu bestehen mit dieser Form von Prüfungen ernsthafte Probleme: Erstens werden zu viele Prüfungen und angesichts der grossen Studierendenzahlen zu schematisch durchgeführt, so dass von vertieftem Studium oder gar von akademischer Musse keine Rede mehr sein kann. Als Folge davon orientieren sich zweitens die Studierenden nur noch am «Punktesammeln». Für Wahlfächer und Vertiefungen ohne «Credit Points» besteht gar kein Interesse mehr. Und drittens ist die Qualität vieler Prüfungen schlecht. Es wird vornehmlich Wissen abgefragt, was das sinnlose Auswendiglernen erneut stärkt. Dies wird sich erst ändern, wenn die Dozierenden in die Regeln der Prüfungstechnik eingeführt werden. Die Bereitschaft dazu ist aber noch sehr klein.
3. Die Idee, zwischen einem dreijährigen Bachelor-Studium, welches zu einer Berufsbetätigung führt, und einem zweijährigen Master-Studium, dessen Schwergewicht auf der Forschungsorientierung liegt, zu unterscheiden, hat sich in den USA bewährt. Vertretbar ist auch die damit verbundene Verkürzung der Studienzeit mit einem Bachelor-Abschluss. Allerdings hat man dieses System etwas vorschnell auf Europa übertragen und die Unterschiede in der Vorbildung an den High Schools bzw. Gymnasien zu wenig beachtet. Deshalb bestehen vor allem in der Wirtschaft Bedenken gegenüber dem Bachelor-Abschluss. So argumentieren beispielsweise grosse Anwaltskanzleien, ein Bachelor-Studium genüge nicht. Deshalb könne zum Anwaltsexamen nur jemand zugelassen werden, der auch einen Master-Abschluss habe. Wenn zudem einzelne Universitätsrektoren erklären, an ihrer Hochschule bereite der Bachelor nur auf den Master vor, so unterlaufen sie die Zweiteilung selbst. Es wird sich weisen müssen, ob die Wirtschaft den Bachelor anerkennt. Erkennbar ist bislang nur, dass die Zahl der Bachelor, welche ein Masterstudium anschliessen, im Steigen begriffen ist, was die Zweiteilung fraglich macht.
4. Schliesslich darf die Veradministrierung und Bürokratisierung nicht übersehen werden. Es entwickelt sich an sehr vielen Universitäten eine Eigendynamik des Perfektionismus. Immer weniger steht die Qualität im Vordergrund, sondern es wird immer mehr formal überwacht, geregelt und geprüft, um in jeder Hinsicht justiziabel zu sein. Gremien erlassen Detailvorschriften über den Studienaufbau und Zulassungsbüros schaffen laufend neue Hürden, nicht selten, um damit zu belegen, dass man über die Aufnahme zu den besten Hochschulen zählt. Vernunft und gegenseitiges Vertrauen unter Hochschulen werden immer geringer eingeschätzt.
Der «Bologna-Zug» fährt und lässt sich nicht mehr aufhalten. Die Absicht ist gut, aber die Fehlentwicklungen nehmen zu. Deshalb sind vor allem die Hochschulorgane aufgerufen, die gegebenen Freiräume zu nutzen und sich nicht selbst immer mehr Fesseln aufzuerlegen. Kreativität und nicht Administration müssen prägend sein, und das gegenseitige Vertrauen unter Hochschulen muss gestärkt werden. Es besteht Handlungsbedarf. Andernfalls hemmt «Bologna» die Entwicklung des Europäischen Raums. Und es wäre bedauerlich, wenn Studentenproteste mit berechtigten Anliegen (Lockerung des Modulsystems, Überdenken der Prüfungen) und Widerstände von Dozierenden (administrative Zusatzbelastung) die Fortentwicklung bremsen würden.
Um Inhalte kommentieren zu können, müssen Sie eingeloggt sein.
Noch keinen Zugang? Jetzt kostenlos registrieren!Man fühlt sich derzeit geradezu 40 Jahre zurückversetzt: die Studentenschaft besetzt Hörsäle, Soziologieprofessoren zeigen Verständnis, die Gewerkschaften solidarisieren sich mit den Protestierenden.... »
Bundesrätin Doris Leuthard lobt die Schweizer Bauern über den grünen Klee. Was diese in den Bereichen Ökologie, Tierhaltung und Produktivität leisteten, sei grossartig, sagt die Volkswirtschafts-ministerin.... »
Schweizer Kühe haben sich längst daran gewöhnt, dass sie zur Sommerzeit eine Stunde früher gemolken werden. Und auch die Menschen akzeptieren die Zeitumstellung zweimal im Jahr.... »
«Nackt» ist ein aktuelles Schlüsselwort. Es signalisiert Tabubruch und Fleischeslust. Massenmedien bedienen sich seiner, um unbekleidete junge Frauen zu präsentieren, aber auch um rohe Gewalt zu kritisieren. Als pikante Metapher ist «nackt» ebenfalls populär.... »
Was braucht ein Dreikäsehoch als erstes, wenn er Fussballer werden will? Fussballschuhe? Ein Trikot? Einen Verein? Falsch: Er braucht als erstes einen Berater.... »
Ist nur ein gezähmter Heiliger ein guter Heiliger? Das Beispiel von Otmar scheint dies nahezulegen. Der eigentliche Gründer St. Gallens, dessen Todestag sich heute Montag zum 1250. Mal jährt, wird in traditionellen Bildern als pummeliger Mönch mit einem Weinfässchen unter dem Arm gezeichnet.... »
«Iss Deinen Teller leer, so manches afrikanische Kind wäre froh, etwas so Gutes zum Essen zu haben.» Eltern mag ein solcher Satz manchmal auf der Zunge liegen, wenn ihr Nachwuchs im Essen herumstochert.... »
Mutig, mutig, lieber Herr Emmerich. Die Mayas haben es seit Jahrhunderten gewusst, und wir wissen es nun auch: 2012 geht die Welt unter – komplett, inklusive Vatikan.... »
«So all Tag eine Strupfete, einen hier überschlagen, einen andern dort übers Bord geworfen, einen dritten in einem Brunnen herumgezogen, so all Tag es Täubbele, um nüt und wieder nüt», schrieb Jeremias Gotthelf zu seiner Zeit über die Burschen, wenn sie sich einmal mehr «d'Gringe» einschlugen ... »
Weshalb haben Fussballspiele mehr Zuschauer als Handballspiele? Weil der Handballsport hektisch ist, dadurch wenig Platz für Inszenierungen bleibt, sei er eben weniger attraktiv, sagen Experten.... »
Die von weitem sichtbare stets weisse Kappe des höchsten Berges von Afrika fasziniert Einheimische, Touristen und Forscher. Den US-Schriftsteller Ernest Hemingway animierte das Naturphänomen zu seinem Roman «Schnee auf dem Kilimandscharo».... »
Auch das gibt's im Zeitalter der Ökumene. Der Vatikan denkt daran, eine katholische Auffanggesellschaft für jene Anglikaner einzurichten, denen ihre Kirche zu zeitgenössisch geworden ist.... »
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen reich und neureich? Nun, in der Schweiz zumindest, und gar im noch immer zwinglianisch geprägten Zürich ist Geld etwas, das man hat. Aber man redet nicht darüber, und damit zu protzen kommt schon gar nicht in Frage.... »
Bedrohliches gerät uns oft aus dem Blick, weil unser Blickfeld zu kleinlich ist. Nur so konnte uns eine kriegerische Attacke entgehen.... »
Politisch korrekt war der Formel-1-Zirkus noch nie, und so wundert es nicht, dass als Zwischensaison-Füller «Zehn kleine Negerlein auf der Reise nach Jerusalem» gespielt wird. Ein Spiel, das aus Schweizer Sicht gefällt.... »
Wir wissen es nicht erst, seit die Schweinegrippe grassiert, dass Sau und Eber dem Menschen sehr ähnlich sind. Egal, ob es sich um das Deutsche Edelschwein, das Lettische Weissschwein oder das Schwarzfussschwein handelt: Der Mensch hat einiges vom Schwein.... »
Wer hat noch nicht, wer will noch mal? Es vergeht kaum ein Tag, da nicht irgendjemand irgendeinen Vorschlag macht, wie unsere künftige Armee aussehen soll: mit oder ohne neue Kampfflugzeuge, mit kleinen oder grossen Beständen, mit mehr schwerem Gerät oder doch mit mehr Fussvolk, mit verkürzter ... »
Das wurde aber auch Zeit: Die SBB schaffen zum Fahrplanwechsel ab 13. Dezember 09 die Ruheabteile in der 2. Klasse ab. Schliesslich ist Ruhe in der Demokratie alles andere als die erste Bürgerpflicht. Das Volk will sich verständigen, und zwar mit allen Mitteln.... »
Der Tag vor Allerheiligen ist ein Kirchentag. Bei den Katholiken steht das Fest des heiligen Wolfgang auf dem Kalenderblatt. Bei den Protestanten Luthers der Thesenanschlag von Wittenberg.... »
Fastfood ist gerade in der Wirtschaftskrise ein günstiger und sättigender Essgenuss für die weniger Begüterten.... »