Meinung: 20. September 2008, 01:05

Finanzsystem: Das Vertrauen ist angeschlagen

von Manuel Ammann

Mit dem Konkurs der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers und der Rettung der Versicherungsgesellschaft AIG hat die Kreditkrise historische Ausmasse angenommen. Im Gegensatz zur früher geretteten Investmentbank Bear Stearns und den Hypothekar-Riesen Fannie Mae und Freddie Mac hat der amerikanische Staat Lehman Brothers nicht aufgefangen. Man wollte ein Exempel statuieren, um den Marktakteuren zu zeigen, dass nicht jedes Institut mit einem staatlichen Rettungsring rechnen kann.

Genau darauf hatte der Markt aber spekuliert. In der Folge brach Panik aus an den Finanzmärkten. Die Investoren verloren ihr Vertrauen in die Finanzinstitute und traten eine Flucht in die Sicherheit an. Niemand mehr wollte geschwächten Banken Kredit gewähren. Die Investmentbank Merrill Lynch musste noch am gleichen Wochenende ihren Notverkauf an die Bank of America einleiten, um die Insolvenz abzuwenden, und der Versicherer AIG kam ins Trudeln. Verheerende Auswirkungen auf das ganze Finanzsystem zeichneten sich ab.

Da verliess die staatlichen Organe ihr Mut sogleich wieder. Die amerikanische Notenbank gewährte der AIG einen Notkredit von 85 Milliarden Dollar, und der Staat übernahm die Gesellschaft. Gestern schlug zudem das amerikanische Finanzministerium eine umfangreiche Auffanglösung für die schlechten Kredite der ganzen Industrie vor. Die Erleichterung über die absehbare staatliche Hilfe spiegelte sich in weltweit stark steigenden Aktienkursen.

Die Ereignisse in den USA und in Grossbritannien zeigen, wie anfällig das globale Bankensystem geworden ist. Das stark vernetzte System baut auf Kredit auf, viel Kredit. Die Banken verfügen oft nur über eine dünne Eigenkapitaldecke, welche rasch aufgezehrt ist, wenn die Vermögenswerte auf der Aktivseite an Wert verlieren. Zudem refinanzieren sich viele Institute, insbesondere die Investmentbanken, mit kurzfristigen Krediten am Geldmarkt. Versiegt diese Finanzierungsquelle, werden sie zahlungsunfähig. Geht das Vertrauen verloren, fällt somit das ganze System wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Weil das Finanzsystem zu wichtig für die gesamte Wirtschaft ist, als dass man es seinem Schicksal überlassen könnte, wird der amerikanische Staat wohl umfangreiche Hilfsmassnahmen beschliessen. Die ordnungspolitisch richtige Handlung, Lehman nicht zu retten, ver-pufft somit. Schlimmer noch, am Markt setzt sich nun die Erkenntnis durch: Gross muss man sein, denn Finanzgiganten mit Millionen von Einlegern oder Versicherten können nicht untergehen. Entsprechend sind weitere Fusionen am internationalen Bankenmarkt zu erwarten. Dem Wettbewerb ist das abträglich, und aus Risikosicht ist es gefährlich, denn dermassen grosse Institutionen stellen volkswirtschaftliche Klumpenrisiken dar, welche den Steuerzahler im Krisenfall viel Geld kosten können.

Wie könnte dieses Risiko reduziert werden? Die Banken könnten in Zukunft wissen, dass das Kreditgeschäft risikoreich ist, dass auch der Immobilienmarkt beträchtliche Risiken in sich birgt, auch wenn oder gerade wenn die Preise jahrelang gestiegen sind und die Ausfallraten lange tief waren. Angesichts der Kreditzyklen, welche immer wieder nach ähnlichem Muster ablaufen, kann man allerdings kaum darauf hoffen, dass in der Zukunft nicht wieder Fehler gemacht werden. Es wäre auch illusorisch zu glauben, staatliche Regulatoren könnten rechtzeitig vor Krisen warnen oder sie gar verhindern. Die Banken sind bereits stark reguliert. Krisen werden dadurch aber nicht verhindert. Eine stärkere Überwachung und Regulierung oder gar Eingriffe in die Geschäftspolitik der Banken würden vermutlich mehr schaden als nützen.

Entscheidend ist die solide Eigenkapitalbasis. Sie kann zwar ein gutes Risikomanagement und eine vernünftige Finanzierungsstruktur nicht ersetzen, aber im Ernstfall Verluste auffangen. Die gegenwärtigen Mindestanforderungen an die Eigenmittel, wie sie vom internationalen Basler Ausschuss für Bankenaufsicht vorgeschlagen und von den nationalen Regulatoren in Kraft gesetzt wurden («Basel II»), sind tief. Für systemisch unwichtige Banken mögen sie ausreichen, aber für grosse Banken, deren Untergang eine Gefahr für das ganze System darstellt, sind sie zu tief. Angesichts der Ereignisse sollte der Basler Ausschuss über die Bücher gehen und die Eigenmittelanforderungen für grosse Institute nicht nur punktuell, sondern systematisch anheben. Die grossen Banken werden nicht umhin kommen, in Zukunft mit einem geringeren Kredithebel auszukommen, denn zu viel Kredit ist gefährlich. Erstaunlich, dass diese alte Erkenntnis immer wieder in Vergessenheit gerät.



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