Ratgeber

Wo sind die «guten alten Manieren» geblieben?

STIL ⋅ Ich (w, 67) ärgere mich immer mal wieder im Bus, auf der Strasse, im Restaurant über das Benehmen der heutigen Jugendlichen. Da werden rücksichtslos Sitzplätze mit Taschen besetzt, wird rumgeschrien, lautstark telefoniert, Passagiere angerempelt, ausgelacht. Werden den Kindern heute keine Manieren mehr beigebracht?
02. Oktober 2017, 18:45
Doris Pfyl

Ihre Zeilen stimmen mich nachdenklich. Unverzüglich horche ich in mich hinein: Erlebe ich die heutige Jugend auch so, wie Sie sie schildern?

Ich verstehe Ihren Unmut. Dass dem Nachwuchs keine Manieren mehr beigebracht werden, sehe ich aber nicht so. Natürlich haben sich die Zeiten geändert. Die Kinder und Jugendlichen sind selbstbewusster geworden, was grundsätzlich gut ist. Früher wurde dem Nachwuchs absoluter Gehorsam und äusserster Respekt vor Erwachsenen beigebracht. Diese Strenge liess viele zu verkümmerten, ängstlichen Menschen werden, die sich in kritischen, ja gar gefährlichen Situationen nicht zu wehren wussten. Das sollte auf keinen Fall so sein.

Die grenzenlose Benimmfreiheit ist jedoch genauso ungesund. Die unbekümmerte Einstellung Regeln und Vorgaben gegenüber zieht bisweilen unangenehme Konsequenzen nach sich. Ein Kind, das sich in der Schule unanständig verhält, wird schnell zum Einzelgänger. Soll es seinen Platz in der Gesellschaft finden, gehören Respekt, Rücksichtnahme und soziale Kompetenz einfach dazu.

Die Lösung: der goldene Mittelweg. Kinder sollen ihre Wünsche äussern und sich bei Ungerechtigkeit wehren dürfen. Gleichzeitig brauchen sie aber Strukturen, die ihnen aufzeigen, wie der zwischenmenschliche Kontakt gestaltet werden soll. Sie müssen unbedingt lernen, dass es auf dem öffentlichen Parkett Regeln gibt, die es einzuhalten gilt. Nur so funktioniert das Zusammenleben.

Kinder lernen über Vorbilder. In erster Linie liegt es an den Eltern, ihrem Nachwuchs schon früh den respektvollen und höflichen Umgang vorzuleben. Aber auch die «fremden» Erwachsenen tragen Verantwortung. Beobachtet ein Kind, dass ein Fahrgast im Bus seine Tasche auf dem Nebensitz platziert und keine Anstalten macht, diese auch bei grosser Frequentierung zu entfernen, wird es dieses Verhalten als korrekt ansehen und kopieren.

Kleinkinder erfahren in der Regel mehr Toleranz als Jugendliche im Pubertätsalter. Das wird auch Ihnen so ergehen – Sie schreiben von Jugendlichen, die sich schlecht benehmen. Dieses Alter stellt an alle Beteiligten nicht zu unterschätzende Herausforderungen. Während der Pubertät werden die erlernten Umgangsformen oft vergessen oder zumindest in Frage gestellt. Jugendliche wollen sich abgrenzen und versuchen, ihre Wünsche und Vorstellungen durchzusetzen. Dabei lassen sie es nicht selten auf Machtkämpfe ankommen.

Sich freundlich wehren

Auch wenn es nicht immer einfach ist: Dieser Situation müssen wir uns auf dem öffentlichen Parkett stellen. Setzen Sie sich für Ihre Rechte ein, sagen Sie, wenn Sie etwas stört. Teilen Sie «plärrenden und rempelnden» Jugendlichen mit, dass es Zauberwörter wie «Entschuldigung» gibt und dass Sie mehr Ruhe möchten. Dies soll in bestimmtem, aber anständigem Ton passieren. Sonst wirken Sie auf die Umgebung genauso anstrengend, wie das gelegentlich die Jugendlichen tun.

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