Wie zügle ich meine Emotionen im Strassenverkehr?

(Bild: Archiv LZ/Roger Grütter)
STIL ⋅ Ich (m/48) bin ein friedliebender Mensch. Ausser im Strassenverkehr. Da ärgern mich Drängler, freche Velofahrer und auf ihre Rechte pochende Fussgänger. Nicht selten platzt mir in solchen Situationen der Kragen, ich lasse mich zu wüsten Sätzen verleiten. Gibt es Tricks, die mir helfen, im Strassenverkehr gelassener zu bleiben?
12. Mai 2017, 05:00
Doris Pfyl

Wie höflich Sie Ihre Frage formulieren. Die Vorstellung, dass sich dahinter ein ausrastender und fluchender Automobilist verbirgt, fällt mir gerade schwer.

Ärger entsteht meistens dann, wenn sich andere Verkehrsteilnehmer – ob versehentlich oder absichtlich – nicht an die Regeln halten. Es ist ein seltsames Phänomen: Hinter dem Steuer fühlen wir uns anonym und gleichzeitig sehr selbstbewusst. Wir meinen, selber alles richtig zu machen. Und wenn sich andere Strassenbenützer nicht unserem Verständnis für Verkehrsordnung entsprechend verhalten, geben wir unserem Ärger Ausdruck.

Ich muss zugeben: Auch ich kann mich bei Unhöflich- und Unvorsichtigkeiten von anderen Verkehrsteilnehmern verbal ziemlich aufregen. Allerdings schäme ich mich jeweils dafür. Die Vorstellung, dass mich die Person kennt, der ich gerade einen bösen Blick oder böse Worte zugeworfen habe, treibt mir die Wangenröte ins Gesicht. Deshalb versuche ich, mir solches abzugewöhnen.

Aktiv kommunizieren

Eigentlich wäre es einfach: Im Strassenverkehr ist ständige Vorsicht, aber auch Rücksichtnahme gefragt. Jeder Verkehrsteilnehmer sollte sich so verhalten, dass kein anderer gefährdet, geschädigt und beleidigt wird. Ob zu anderen Automobilisten, Radfahrern oder Fussgängern: Kommunikation ist das A und O eines gut funktionierenden Miteinanders. Nur sollte sie in diesen Zonen möglichst nonverbal geschehen. Ich rate davon ab, die Autoscheibe herunterzukurbeln und andere Verkehrsteilnehmer verbal zu attackieren. Heftige Worte können sehr verletzen. Und nicht selten arten solche Begegnungen gar in Handgreiflichkeiten aus.

Mit Blickkontakt und Handzeichen signalisieren wir, dass wir andere gesehen haben, ihnen den Vortritt lassen, uns für eine Unvorsichtigkeit entschuldigen oder uns für Rücksichtnahme bedanken. Dieses Verhalten finde ich sehr wichtig. Strassen sind oft stark frequentiert – die meisten wollen möglichst schnell von A nach B gelangen. Stausituationen lassen so manchen zum Drängler werden. Diesem trotzdem den Spurwechsel zu gewähren, ist nicht selbstverständlich. Gerade im Morgenverkehr habe auch ich meine Mühe damit, weil Zeitnot droht. Wenn es sich dann aber machen lässt und der andere Automobilist sich in Folge mit einem Handzeichen bedankt, ist die Welt wieder in Ordnung. Es sind kleine Gesten mit grosser Wirkung.

Nobody’s perfect

Sie gehen sicher mit mir einig: Jedem Verkehrsteilnehmer kann ein Fehler passieren. Kommt niemand zu Schaden, muss daraus auch keine grosse Sache gemacht werden. Zudem konnten Sie und auch ich sicher schon von der Aufmerksamkeit und der Toleranz anderer profitieren.

Auch plane ich seit kurzem immer etwas mehr Fahrzeit ein und habe Mineralwasser und Bonbons dabei. Diese helfen mir bei allfälligen Wartezeiten und emotional heiklen Situationen.

Doris Pfyl


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