Restaurantbesuch: Wer muss sich wem anpassen?

STIL ⋅ Kürzlich haben mich meine Kollegen zurechtgewiesen, weil ich gerne bequem angezogen zum traditionellen Auswärtsessen erscheine (stylisches T-Shirt, topaktuelle Sporthosen aus Sweatshirtstoff). Sie kreuzen immer sehr chic auf. Ich würde Koch und Kellner beleidigen, die sich auch Mühe gäben. Wer muss was akzeptieren?
23. Oktober 2017, 14:59

Kleidung ist bei weitem mehr als bloss eine Kombination von Stoffen. Sie ist ein Kommunikationskanal, über welchen wir sowohl unsere Identität wie auch unser Befinden zum Ausdruck bringen. Weiter ist die Wahl der Kleidung aber auch eine Möglichkeit, um nonverbal Botschaften zu senden.

Die Ansprüche an unsere Garderobe sind also hoch: Einerseits soll der passende Stoff unsere individuellen Ecken und Kanten bedienen, unsere Persönlichkeit akzentuieren und Authentizität vermitteln, wir wollen uns in unserem Gewand rundum wohlfühlen. Andererseits war und ist die Kleidung stets auch Stilmittel, um beim Gegenüber Eindruck zu machen. So ist der Griff zur Kleidung meist von zwei Fragen geprägt: Wie nehme ich mich wahr? Und wie möchte ich wahrgenommen werden?

Obwohl Stilrichtungen und Trends kommen und gehen, sich manche Zeitgenossen von Kopf bis Fuss danach richten, was momentan «en vogue» ist, und andere wiederum kaum Wert auf ihr Erscheinungsbild legen, ist etwas unbestreitbar: Kleidung wirkt. Seit jeher wurden Stoffe gezielt eingesetzt, um den Status in der Gesellschaft zu signalisieren und/oder aber seinen Respekt gegenüber dem Anlass sowie der Begleitung auszudrücken. Wer erinnert sich nicht an den in Vergessenheit geratenen Ausdruck «Sonntagskleidung», als Lackschuhe und Frack werktags im Schrank darauf warteten, am Sonntag zur Schau getragen zu werden?

Wer sich nun aber wem anpassen soll, das Individuum der Konvention oder umgekehrt, ist eine vielschichtige Frage. Grundsätzlich hat sich an der Bedeutung der «Sonntagskleidung» aber wenig geändert. Für besondere Festlichkeiten empfiehlt sich nach wie vor, stilistisch angepasst zu erscheinen. In unserer Zeit, in der die Kleidervorschriften immer weitmaschiger werden, sind den individuellen Bedürfnissen weniger Hürden gesetzt. Der Wohlfühlfaktor darf durchaus berücksichtigt werden. Dennoch sollte man nicht ausser Acht lassen, dass mit der Wahl der Kleidung stets auch eine Wertschätzung dem sozialen Umfeld gegenüber zum Ausdruck gebracht wird. Wenn auch die Gastgeber einer Lokalität ein unpassendes Erscheinen ziemlich sicher nicht mit Sanktionen belegen werden, lohnt sich die Frage an sich selbst, welche Wirkung das gewählte Gewand auf die weiteren Gäste ausübt. Will man bewusst provozieren, muss man auch in Kauf nehmen, dass die Gegenseite die rebellische Melodie aufnehmen wird.

Hilfreicher Blick in Spiegel

Selbstverständlich ist es nicht verkehrt, wenn Menschen sich in ihrer stofflichen Hülle wohlfühlen und auf das «Verkleiden» verzichten. Eine hilfreiche Möglichkeit, beiden Sichtweisen einigermassen gerecht zu werden, bietet folgende Vorstellung: «Versuche, hundert Meter in den Schuhen eines anderen zu gehen – und du wirst ihn verstehen.» Es lohnt sich, bei nächster Gelegenheit einen Blick in den Spiegel zu werfen und die gewählte Kleidung aus Sicht des Gegenübers zu betrachten.

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