Ratgeber

«Bitte nichts mitbringen!» – Muss ich das befolgen?

(Symbolbild: Jakob Ineichen)
STIL ⋅ Ist es unhöflich, bei einer Einladung ein Geschenk mitzubringen, wenn vom Gastgeber ausdrücklich keines gewünscht wird? Auch wenn es nur eine symbolische Kleinigkeit ist? Mir scheint, dieser Wunsch ist meistens nur rhetorisch gemeint oder heute schon fast «Pflicht», weil man glaubt, bescheiden sein zu müssen.
24. Juli 2017, 05:00

Die Übergabe eines Gastgeschenkes galt bereits zu Knigges Zeiten als unerlässliche Tugend: Um seinen Dank gebührend auszudrücken, empfahl der Grossmeister der Etikette eine dem Gastgeber oder der Gastgeberin sowie der eigenen Wenigkeit entsprechende Aufmerksamkeit. Ein Ratschlag, der indes die Frage nach dem passenden Etwas unbeantwortet liess.

Obwohl sich Werte und somit auch gesellschaftliche ­Gepflogenheiten in rasantem Wandel befinden, gehört das kleine Mitbringsel nach wie vor zum guten Ton. Mit leeren Händen aufzukreuzen, gilt auch heute noch als Fauxpas – wenn dieser vergleichsweise milde «Fehltritt» meistens auch ohne Nachspiel verziehen wird.

Doch was, wenn die Gastgeber bereits im Vorfeld kundtun, dass sie keinerlei Bescherungen wünschen? Der Spagat ist vorprogrammiert: Ist es nun wertschätzend, dem Wunsch Folge zu leisten, oder überwiegt die moralische Pflicht, ein Zeichen der Dankbarkeit zu setzen?

Grundsätzlich soll ein Gastgeschenk nie aus einem Pflicht- oder Schuldbewusstsein erfolgen, sondern die Freude am Schenken selbst verkörpern. Wer schenkt, weil er es tun zu müssen glaubt, lässt es lieber bleiben. «Wer schenkt, wird damit selbst beschenkt» verkündet ein altes chinesisches Sprichwort, doch gilt dies wohl nur, wenn auf­richtig aus Freude geschenkt wird.

Wer beispielsweise am Telefon den Wunsch äussert «Bitte nichts mitbringen», freut sich meist dennoch über eine kleine Aufmerksamkeit, doch soll diese mit Rücksicht auf das Anliegen des Gastgebers in dezentem Rahmen gewählt werden. Florale Grüsse aus dem eigenen Garten oder Selbstgemachtes aus dem Backofen lassen manches Gastgeberherz höherschlagen, und mit solchen kleinen Mitbringseln liegt niemand gänzlich daneben.

Anstelle eines Geschenks kann speziell im Sommer, wenn gerne zu lauschigen Grillabenden auf der Terrasse geladen wird, ein kulinarisches Dankeschön angeboten werden: Ob Tomatensalat oder Tiramisu – diese Form der Wertschätzung wird meist gerne angenommen. Doch soll diese im Rahmen der Unterstützung platzierte Geste zwingend im Vorfeld besprochen werden. Ein Gastgeber, der ungefragt mit kulinarischen «Beilagen» überhäuft wird, kann durchaus beleidigt reagieren («Schmeckt denn mein eigenes Essen so schlecht?»).

Bei schriftlicher Einladung

Anders verhält es sich, wenn der Wunsch, auf die Übergabe von Geschenken möge verzichtet werden, explizit auf der Einladung vermerkt ist. Auch hier wird ein floraler Gruss zwar meist nicht negativ aufgenommen, doch sollte die Willensäusserung des Gastgebers in diesem Fall respektiert werden.

Wer auf das obligate Präsent um des Schenkens willen nicht verzichten will, kann auch auf alternative Weise seinen Dank kreativ zum Ausdruck bringen: Ein Gutschein für einen gemeinsamen Spaziergang oder aber eine stellvertretende Gabe an eine wohltätige Organisation erfüllen das Bedürfnis des Gebens, ohne den Wunsch des Gastgebers zu missachten.

Michèle Ségouin

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