Ratgeber

Kein Kontakt: Muss ich die Tochter weiter unterstützen?

(Symbolbild: Adrian Baer)
RECHT ⋅ Ich (Witwe, 2 Kinder) erhalte eine IV-Rente und arbeite Teilzeit. Vor sechs Monaten hat meine Tochter (24) nach einem Streit den Kontakt abgebrochen. Da mein ältester Sohn 25 wurde, fällt seine Halbwaisenrente weg, er braucht mehr Geld, um das Studium zu beenden. Muss ich die Tochter, die auch studiert, weiter unterstützen?
23. August 2017, 05:00
Lic. iur. et phil. Sandor Horvath

Die Eltern sorgen gemeinsam – und zwar ein jeder Elternteil nach seinen Kräften – für den Unterhalt ihrer Kinder. Die Unterhaltspflicht dauert grundsätzlich bis zur Volljährigkeit des Kindes. Hat das Kind dann noch keine angemessene Aus­bildung, haben die Eltern – soweit es ihnen nach den gesamten Umständen zugemutet werden kann – weiterhin für den Unterhalt aufzukommen, bis eine entsprechende Ausbildung ordentlich abgeschlossen wer­den kann.

Keine feste Alterslimite für Unterstützungspflicht

Sie sind jedoch in dem Mass von der Unterhaltspflicht be­freit, als dem Kind zugemutet werden kann, den Unterhalt aus seinem (Teil-)Arbeits­erwerb oder anderen Mitteln (z.B. aus Vermögen infolge einer Erbschaft, Rente oder Stipendium) zu bestreiten. Ihr Sohn hat wie viele andere sein Studium mit 25 Jahren noch nicht ganz abgeschlossen. Gemäss der bundesgerichtlichen Rechtsprechung gibt es keine feste Alterslimite, bis wann Volljährigenunterhalt geschuldet ist (BGE 130 V 237). Weil der Vater verstorben ist und Ihr Sohn nun keine Halbweisenrente mehr erhält, sind Sie unabhängig von seinem Alter grundsätzlich weiterhin unterhaltspflichtig.

Zumutbarkeit von Unterhaltszahlungen

Zu prüfen ist jedoch, inwiefern Ihr Sohn seinen Bedarf durch eine eigene Erwerbstätigkeit selber decken kann. Das kommt unter anderem darauf an, wie zeitaufwendig sein Studium ist. Sie müssen Ihren Sohn nur unterstützen, wenn er mit seinen eigenen Einkünften nicht über die Runden kommt. Dies gilt allerdings auch nur, wenn Sie finanziell dazu in der Lage sind, das heisst, wenn Sie mit Ihren Einkünften mehr als nur Ihre Lebenshaltungskosten decken können. Um die Last zu mildern, empfehle ich Ihnen, abzuklären, ob Ihr Sohn Anspruch auf Sti­pen­dien oder Aus­bildungsdar­lehen hat.

Bricht ein volljähriges Kind den Kontakt in vorwerfbarer Weise einseitig und vollständig ab, obwohl sich der belangte Elternteil korrekt verhalten hat, ist die Leistung von Unterhalt nicht mehr zumutbar. Das gilt insbesondere bei älteren Kindern (BGE 129 III 375; BGE 117 II 127). Rechtlich betrachtet, müssen Sie Ihrer Tochter unter Umständen keinen Unterhalt mehr leisten. Denkbar ist auch eine Reduktion der Unterhaltsbeiträge.

Blosse Meinungsverschiedenheiten und Kontaktschwierigkeiten rechtfertigen allerdings die Einstellung oder Reduktion des Unterhalts in der Regel nicht. In Ihrem Fall geht es nicht bloss um Geld, sondern um die Beziehung zu Ihrer Tochter. Ich empfehle Ihnen deswegen, die Vermittlungsdienste eines Media­tors oder einer Media­torin in Anspruch zu nehmen. Falls keine Einigung erzielt werden kann, wäre in Ihrem Fall wohl ein Gerichtsverfahren die letzte Option, um festzustellen, ob Sie weiter unterstützungspflichtig sind oder nicht.

Lic. iur. et phil. Sandor Horvath


Leserkommentare

Anzeige: