Ratgeber

Muss ich die Geschwister über Erbvorbezug informieren?

(Bild: Archiv LZ/Philipp Schmidli)
RECHT ⋅ Ich (m, 32) werde eine Wohnung kaufen und erhalte von meinen Eltern einen Erbvorbezug von 150000 Franken. Ich habe noch zwei Geschwister. Müssen diese über den Erbvorbezug informiert werden, und könnten sie das Gleiche verlangen? Worauf muss ich achten, damit später keine Erbstreitigkeiten entstehen?
15. April 2017, 05:00
Daniela Tschol

Eine gesetzliche Informationspflicht über einen Erbvorbezug gegenüber anderen Erben existiert nicht. Dennoch sollten Sie einige Punkte beachten, um spätere Streitigkeiten in der Familie zu vermeiden.

Gesetzliche Gleichbehandlung der Nachkommen

Das Gesetz sieht vor, dass Nachkommen grundsätzlich zu gleichen Teilen erben. Zu Lebzeiten der Erblasser besteht jedoch kein gesetzlicher Anspruch auf Gleichbehandlung und Ausgleichung von Erbvorbezügen. Ihre Geschwister können somit den Betrag, den Sie erhalten, heute nicht auch von den Eltern einfordern. Ihr Erbvorbezug von 150000 Franken wird jedoch spätestens bei Ableben Ihrer Eltern wieder zum Thema.

Liegt kein Testament vor, kommen die gesetzlichen Regelungen zur Anwendung. Diese sehen vor, dass Nachkommen gegenseitig verpflichtet sind, alles zur Ausgleichung zu bringen, was sie zu Lebzeiten auf Anrechnung an ihren Erbteil erhalten haben.

Entbindung von der Ausgleichungspflicht

Der Erblasser hat jedoch die Möglichkeit, einen bestimmten Erben ausdrücklich von der Ausgleichungspflicht zu entbinden. Mit diesem Schritt wird der Erbe begünstigt: Er muss sich die erhaltene Schenkung nicht mehr dem Erbteil anrechnen lassen. Wird dadurch jedoch der Pflichtteil anderer Erben verletzt, so ist dies anfechtbar, das heisst, die anderen Erben, in Ihrem Fall Ihre Geschwister, können ihren Pflichtteil einfordern.

Achtung: Spezialfall Liegenschaften

Wird anstelle von Barmitteln die elterliche Liegenschaft zu Lebzeiten an einen Nachkommen übertragen, so kann auch diese Übertragung einen Erbvorbezug bedeuten. Dies ist dann der Fall, wenn die Liegenschaft vom Erblasser unentgeltlich bzw. deutlich unter dem Wert, den ein Dritter bezahlen würde, auf einen gesetzlichen Erben übergeht. Bei Liegenschaften ist im Todesfall zusätzlich zu beachten, dass auch ein allfälliger Mehrwert (infolge Wertsteigerung der Immobilie in der Zeitspanne zwischen der Überschreibung und dem Tod des Erblassers) zur Ausgleichung kommt. Dies führt zu unterschiedlichen Berechnungen der Pflichtteile und somit auch zu anderen frei verfügbaren Quoten im Zeitpunkt der Schenkung bzw. im Zeitpunkt des späteren Erbfalls.

Transparenz ist empfehlenswert

Ich empfehle Ihnen deshalb, alle erbberechtigten Personen schon im Zeitpunkt des Vorempfangs Ihrer 150000 Franken zu informieren. So können Sie Missverständnisse vermeiden und späteren Streitigkeiten unter den Hinterbliebenen vorbeugen. Ganz allgemein rate ich Ihren Eltern, schriftlich in einem Testament festzuhalten, welche Erbvorbezüge an welche Kinder getätigt wurden und ob diese Vorbezüge der Ausgleichungspflicht unterliegen oder nicht.

Daniela Tschol
 

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