Knieband gerissen: Geht es auch ohne Operation?

GESUNDHEIT ⋅ Mir (w, 70) ist im März bei einen Skiunfall das vordere Knieband gerissen. Es wurde nicht operiert, ich habe Physio und mache Muskeltraining. Treppensteigen geht, steil hinauf oder hinunter wandern aber nicht. Wird das Knie wieder stabil genug zum Skifahren? Wie verläuft die Heilung? Wächst das Band auf Dauer irgendwo an?
25. Juli 2017, 05:00

Mit dem Riss des vorderen Kniebandes ist das vordere Kreuzband (VKB) gemeint. Es reisst häufig bei Skiunfällen. Auch Fussball, Handball oder Unihockey gelten als Risikosport. Senioren reissen sich das VKB deutlich seltener als Junge, weil sie im Sport erfahrungsgemäss weniger Risiko eingehen.

Das gesunde VKB gibt dem Knie Stabilität. Es kontrolliert die Rotation und verhindert, dass der Unterschenkel nach vorne rutscht. Wenn das VKB reisst, kommt es zur vorderen Rotationsinstabilität. Der Patient hat ein Gefühl der Unsicherheit, es kann zum Einknicken, dem sogenannten «giving way», kommen. Dies beeinträchtigt den Patienten erheblich und kann zu Schmerzen, Schwellungen und zur Sportunfähigkeit führen.

Das VKB ist jedoch nicht alleine für ein stabiles Knie verantwortlich. Die Menisken, die Seitenbänder und ganz besonders die Muskulatur tragen viel zur Stabilität bei.

Mittels konsequent durchgeführter Physiotherapie kann es unter Umständen gelingen, eine genügende Stabilität zu erreichen. Nebst der Muskelkräftigung ist dabei ein gezieltes Geschicklichkeitstraining zur Verbesserung der Bewegungsabläufe und Koordination entscheidend. Dazu ist die engagierte Mitarbeit des Patienten nötig, gilt doch in der Physiotherapie der Satz «ohne Fleiss kein Preis» ganz speziell.

In der Regel wächst ein gerissenes VKB nicht spontan zusammen. Es kann allenfalls mit dem hinteren Kreuzband vernarben, was zu einer gewissen Reststabilität führen kann. Wenn der Patient dann auf Risikosport verzichtet, kann im Einzelfall auf eine VKB-Operation verzichtet werden.

Spätschäden durch instabiles Kniegelenk

Welches sind denn die Risiken eines instabilen Kniegelenks? Durch die Instabilität, das Hin-und-her-Rutschen mit Einknicken und die belasteten Rotationen können sekundäre Schäden auftreten. Damit sind Meniskusrisse und Knorpelschäden gemeint. Diese sind gefürchtet, weil sie je nach Belastung nach zirka 15 bis 25 Jahren zum Gelenksverschleiss (Arthrose) führen können.

Früher wurde bei Patienten über 40 Jahren keine VKB-Operation mehr durchgeführt. Diese starre Altersgrenze gilt heute nicht mehr. Entscheidender ist das biologische Alter.

Operation kann auch bei Senioren sinnvoll sein

Es gibt heute viele über 70-Jährige, die gesundheitsbewusst leben, aktiv bleiben und Sport betreiben wollen. Diese immer zahlreicher werdende Sondergruppe ist auf ein stabiles Kniegelenk angewiesen, um in den Bergen unterwegs zu sein oder auf dem Tennisplatz um den Sieg zu kämpfen. Im Einzelfall kann deshalb auch bei Senioren eine Operation sinnvoll sein, auch noch mit zeitlichem Abstand zum Unfall.

Letztlich muss jede Behandlung nicht nur exakt abgeklärt, sondern vor allem auch mit dem Patienten besprochen und individuell auf seine Bedürfnisse angepasst werden.

Dr. med. Felix Buschor


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