Ratgeber

Ist für Schwangere einmal ein Glas Alkohol zu viel?

(Bild: Archiv LZ/Manuela Jans)
GESUNDHEIT ⋅ Ich (w, 29) bin schwanger und trinke deshalb praktisch keinen Alkohol. Letzthin habe ich an einem grossen Familienfest aber ein kleines Glas Wein getrunken. Darauf hat mir jemand schwere Vorwürfe gemacht. Ich sei absolut verantwortungslos, auch kleinste Mengen Alkohol seien für das Kind schädlich. Ist das wirklich so?
04. Juli 2017, 06:21
Dr. med. Frank Carlos Spickhoff

Für ein Baby ist es sicher das Beste, wenn eine werdende Mutter während der Schwangerschaft wirklich überhaupt keinen Alkohol konsumiert. Es ist in der Tat so, dass jedes Glas Wein oder Bier und auch andere alkoholische Getränke bereits negative Folgen haben können. In einigen Ländern gibt es deshalb sogar Warnhinweise auf Alkoholflaschen, die über die Risiken und Gefahren für das Baby informieren.

Was der Alkohol im Körper der Schwangeren bewirkt

Der Alkohol gelangt über den Mutterkuchen zum Kind. Dabei ist die Alkoholkonzentration im Nabelschnurblut genauso gross wie im Blut der Mutter. Das Baby benötigt jedoch deutlich länger zum Abbau des Alkohols als ein erwachsener Mensch. Auch sind die jungen Organe und Organsysteme besonders anfällig. Der Alkohol kann deshalb die Zellentwicklung Ihres Babys stören und Schwangerschaftskomplikationen wie eine Frühgeburt oder eine Fehlgeburt verursachen.

Schädigungen durch Alkohol sind jedoch nicht nur, wie man das manchmal hört, auf das erste Schwangerschaftsdrittel begrenzt. Sie können auch im späteren Verlauf der Schwangerschaft auftreten. So kann der Alkohol unter anderem die Entwicklung des Gesichtes, verschiedene Organe und das Gehirn negativ beeinflussen, wie soeben wieder eine grössere Studie gezeigt hat.

Studien sprechen eine deutliche Sprache

Der Alkohol kann aber auch das Nervensystem angreifen, was ein Leben lang zu Lernschwierigkeiten und Problemen mit der Bewegungskoordination führt. Dieses kann im schlimmsten Fall zu einem sogenannten fetalen Alkoholsyndrom (FAS) führen. Als FAS bezeichnet man eine Kombination aus den verschiedensten Fehlbildungen und Entwicklungsauffälligkeiten bei Kindern alkoholkranker Mütter.

Laut einer Studie in Deutschland tritt diese schlimmste Störung durch Alkoholkonsum bei etwa 38 von 10000 Müttern (Gesamtzahl aller Schwangerschaften) auf. Im Vergleich dazu ist zum Beispiel die Chromosomenanomalie Trisomie 21, welche bei etwa 15 von 10000 Säuglingen auftritt, deutlich seltener.

Um das noch zu verdeutlichen: Man schätzt, dass etwa eine von 70 Müttern, die in der Schwangerschaft regelmässig Alkohol konsumieren und deshalb möglicherweise auch allgemein ein Alkoholproblem haben, ein Kind mit dem erwähnten fetalen Alkoholsyndrom zur Welt bringt. Hochgerechnet sind das weltweit etwa 120000 geschädigte Kinder, die mit einer schwersten Form der fetalen Alkoholstörung geboren werden.

Wegen des einmaligen kleinen «Ausrutschers» müssen Sie nun nicht in Panik geraten. Prinzipiell ist aber während einer Schwangerschaft effektiv der «Nullkonsum» an alkoholischen Getränken empfohlen, auch wenn wissenschaftlich nicht sicher nachgewiesen ist, dass der Konsum geringster Alkoholmengen bereits zu Schädigungen führen kann.

Dr. med. Frank Carlos Spickhoff

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