Pensionierung

Neue Chance, neues Glück

17. September 2017, 04:38
Marco Infanger

Kürzlich erzählte mir ein Pensionär Folgendes: «Am Anfang meiner Pensionierung war ich komplett orientierungslos, und ich fiel sogar in eine kleine Lebenskrise.»

Dies kommt nicht von ungefähr. Die Erwerbstätigkeit gibt uns nicht nur einen Rhythmus, sondern auch einen Sinn. Bei dem von mir erwähnten Pensionär war dies gar im ausgeprägten Mass der Fall. Er versicherte mir: «Obwohl meine Arbeits­wochen zwischen 50 und 60 Arbeitsstunden betrugen, schätzte ich meinen Status in der Gesellschaft. Ich hatte das Gefühl, gebraucht zu werden, und aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit durfte ich an vielen Anlässen teilnehmen.»

Wir sind als Berufstätige engagiert, wir sind motiviert. Und wer sehr viel arbeitet, der läuft Gefahr, dass dabei einiges auf der Strecke bleibt. Beispielsweise das soziale Leben. Oder Hobbys. Das kann am Ende dazu führen, dass einen die Pensionierung überfordert. Der von mir geschilderte Pensionär hat es schön auf den Punkt gebracht: «Ich wusste mit meiner neu gewonnenen Freizeit schlicht nichts anzufangen.» Das Problem war nicht nur die zur Verfügung stehende Zeit, sondern auf einmal auch die Ehefrau. Es kam zu Spannungen, weil er auf einmal viel zu oft daheim war. Das kann eine Beziehung ganz schön auf die Probe stellen. In diesem Fall ergriff die Ehefrau die Initiative und organisierte eine Art Workshop im Südtirol zum Thema «Neue Chance, neues Glück».

Das Seminar führte ihm vor Augen: Er befand sich noch immer in seinem Manager­modus, halt nur ohne Arbeit. Die Lösung: Er musste die Hilfe seiner Frau annehmen und für sich für seinen neuen Lebens­abschnitt neue Ziele und Massnahmen definieren. Heute sagt er: «Ich bin jetzt ohne meinen Managermodus sogar noch glücklicher, treibe inzwischen wieder Sport, betätige mich in einem Verein und geniesse dabei das Gesellschaftsleben.» Er fand auf einmal Zeit für einen Sprachaufenthalt in Italien. Sein Familienleben hat bedeutend an Qualität gewonnen. «Ich freue mich heute auf den bevorstehenden neuen Tag», versicherte er mir.

Es handelt sich hier zwar um einen Einzelfall, er könnte aber für viele andere Schicksale stehen. Und er macht meines Erachtens vor allem eines deutlich: Die Pensionierung will gut geplant sein – nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Marco Infanger,
Vermögens- und Vorsorgeberater Weibel Hess & Partner AG


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