Weist Verhalten des Sohnes auf Homosexualität hin?

(Bild: Archiv ZZ/Maria Schmid)
ERZIEHUNG ⋅ Unser Sohn (5) hat grossen Spass daran, sich die Zehennägel farbig zu lackieren. Kann das ein Indiz für Homosexualität sein? Mir ist bewusst, dass es politisch nicht korrekt ist, Homosexualität irgendwie als unerwünscht zu erachten. Trotzdem die Frage: Ist sie irgendwie mit der Art der Erziehung oder Kindheitserlebnissen gekoppelt?
02. Juni 2017, 05:00
Dr. phil. Josef Jung, Hitzkirch

Sie sitzen einem Trugschluss auf, und Ihre Fragen zeigen, dass Sie dies selber irgendwie ahnen. Mädchen, die intime Freundschaften zu anderen Mädchen unterhalten und sich gegenüber Jungen behaupten, sind deshalb nicht lesbisch. Jungen, die auch zärtlich, weich und einfühlend sein können und dies auch gegenüber anderen Jungen zeigen, sind deshalb noch nicht schwul.

Woran liegt diese Haltung?

Wenn Ihr Sohn nun Freude an farbigen Zehennägeln hat und Sie sich darüber Sorgen machen, so dürfte dies vor allem ein Anlass sein, einen Moment innezuhalten und über Ihre Vorstellungen, Haltungen usw. bezüglich Homosexualität nachzudenken. Was stachelt Sie an, darüber erschreckt zu reagieren? Wie ist Ihre Haltung zur Homosexualität entstanden, was alles hat dazu beigetragen?

Keine Krankheit

Das alles hat viel mit Kultur zu tun. Die kulturelle Geschichte zur Homosexualität ist vor allem eine leidvolle Geschichte für die «Betroffenen». Die globale Abschaffung von Gefängnis- oder Todesstrafe für homosexuelles Verhalten ist bis heute noch nicht gelungen. Den weltweit grössten «Heilungserfolg» erzielte die WHO 1992, als sie die Krankheit «Homo­sexualität» aus der Internationalen Klassifikation für Krankheiten (ICD) gestrichen hat.

Rolle versus Orientierung

Rollenverhalten und sexuelle Orientierung sind nicht das Gleiche. Wenn Ihr fünfjähriger Sohn Spass an Farben hat, so ist das etwas Erfreuliches. Wenn er sich dabei auch noch die Zehennägel lackiert, so kommt das Rollenverhalten ins Spiel. Vielleicht hat Ihr Sohn einfach bei seiner Mutter abgeschaut und will es ihr ähnlich tun.

Lackierte Zehennägel sind in unserer Gesellschaft etwas, das wohl häufiger bei Frauen als bei Männern vorkommt, und das wiederum hat mit unserem Rollenverständnis zu tun.

Sexuelle Orientierung dagegen hat damit zu tun, zu welchem Geschlecht sich jemand mit seinem sexuellen Begehren hingezogen fühlt. Verschiedene Menschen haben verschiedene sexuelle Orientierungen, und das ist ganz normal.

Gründe sind nicht geklärt

Die früheren Erklärungen über die Entstehung von Homosexualität aufgrund einer Ursache sind falsch. Homosexualität entsteht weder durch «falsche» Erziehung noch durch irgendwelche «traumatisierende» Kindheitserlebnisse noch durch Verführung noch durch irgendwelche andere vereinfachenden Erklärungen. Die sexuelle Orientierung eines Menschen hängt von vielen Faktoren ab. Längstens nicht alle sind bekannt, und ihr komplexes Zusammenspiel ist noch nicht geklärt.

Wenden Sie sich also getrost von Ihren Sorgen um die sexuelle Orientierung Ihres Sohnes ab. Wenden Sie sich stattdessen Ihrem Sohn zu und unterstützen Sie ihn in der Entwicklung seiner Kreativität.

Dr. phil. Josef Jung


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