Ratgeber

Gibt es Alternativen zu Schimpfen und Bestrafen?

Viele Kinder wachsen in problematischen Familien auf. Um aber richtig zu helfen, müssen die Behörden auch die weichen Faktoren berücksichtigen, sagt Allan Guggenbühl. (Bild: Christof Schürpf/Keystone)
ERZIEHUNG ⋅ Wir haben zwei lebhafte Kinder (3 und 6), die ab und zu über die Stränge schlagen oder nicht immer gehorchen. Wie können wir das sanktionieren, um den Kindern auch zu zeigen, dass Regeln einzuhalten sind? Schimpfen oder Bestrafen sind uns etwas zuwider, aber wohl nicht immer zu vermeiden. Oder gibt es Alternativen?
06. Juli 2017, 09:58
Dr. phil. Josef Jung, Hitzkirch

Der Ausdruck «über die Stränge schlagen» meint ursprünglich das Ausschlagen eines Pferdes über den Zugstrang. Das ist natürlich nicht erwünscht, sondern es soll ziehen bzw. das tun, was man von ihm verlangt.

Nun ist dies bei Kindern einerseits auch so. Wenn sie aber andererseits «nur» gehorchen, gibt es keine Entwicklung. Also sollten Regeln, die einmal gesetzt wurden, von den Eltern auch immer wieder überprüft werden, ob diese noch «entwicklungsförderlich» sind.

Keine spontanen Strafen

Wenn Kinder Regeln nicht einhalten, kann dies verschiedene Gründe haben. Was dann folgt, nenne ich Erziehungsarbeit, die mindestens zwei Seiten hat: Sie müssen als Eltern zuerst wieder in die Lage kommen nachzudenken. Wenn Sie bei einem Regelverstoss der Kinder manchmal und verständlicherweise in Rage geraten, halten Sie einen Moment inne und denken Sie über den Regelverstoss und Ihre Wut darüber nach, bevor Sie den «Missetätern» drakonische Strafen aufbrummen. Es kann sonst passieren, dass Sie selber der am meisten Bestrafte sind, da Sie nach drei Wochen immer noch das Game-Verbot durchsetzen müssen, obwohl die ursprüngliche Sache sich schon längst erledigt hat.

Und wenn Sie schimpfen oder eine Bestrafung aussprechen, wissen die Kinder möglicherweise zwar, was sie nicht sollen, sie wissen aber noch längst nicht, was Sie anstelle des unerwünschten Verhaltens denn möchten. Sie schreiben ja selbst von einer Skepsis dem Schimpfen und Strafen gegenüber und möchten eine Alternative.

Sie müssen also zuerst Ihre Gefühle regulieren, die durch den Regelverstoss möglicherweise aus dem Gleichgewicht geraten sind. Damit ist nicht gemeint, dass Sie stets «cool» bleiben sollen. Die Kinder dürfen durchaus spüren, was die Auswirkungen des Regelverstosses auf Sie als Eltern sind.

«Ämtli» sofort machen

Die andere Seite betrifft die Kinder bzw. die Auswirkungen ihres Regelverstosses auf sie selber. Sie unterstützen die Entwicklung der Kinder über die Konsequenzen oder Auswirkungen ihres Verhaltens. Wenn ein Kind also eine vereinbarte Aufgabe (etwa ein «Ämtli») «vergessen» hat und nun am Gamen ist, bringen Sie das Kind kaum dazu, das nächste Mal daran zu denken, wenn Sie ein Game-Verbot über eine bestimmte Zeit aussprechen. Besser fahren Sie, wenn Sie dafür sorgen, dass das Gamen jetzt unterbrochen wird – das wird kaum ohne heftigen Protest ablaufen –, um die «vergessene» Aufgabe sofort zu erledigen.

Beim nächsten Mal, wenn das Kind die Aufgabe erledigt hat, teilen Sie ihm die Freude mit, die Sie dabei erleben. Häufig geht dieser Teil vergessen. Gewünschtes Verhalten wird schnell zur Selbstverständlichkeit. Befolgen Sie daher nicht die volkstümliche Redensart: «Nichts gesagt ist genug gelobt.» Wenn Sie den Kindern ab und an mitteilen, dass das gewünschte Verhalten Sie freut, wissen sie, was Sie von ihnen erwarten. Und gleichzeitig stärkt dies die Beziehung zu ihnen.

Kurzantwort

Regeln sind kein Selbstzweck, sondern dienen der Entwicklung des Kindes. Ein Regelverstoss sollte nicht zu spontanen Strafen führen. Vielmehr ist das erwünschte Verhalten konkret einzufordern, damit dem Kind klar ist, was man von ihm will. Lob kann dieses Verhalten dann noch bestärken. (red)

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