Beschäftigen wir die Kinder nicht, langweilen sie sich

(Keystone)
ERZIEHUNG ⋅
05. Oktober 2017, 10:41

Wir möchten ja eigentlich nicht, dass ihnen langweilig ist. Oder sehen wir das völlig falsch?
Wenn die Kinder aktiv sind, freut das die Eltern zuerst mal. Wenn diese Aktivität aber an die elterliche Präsenz gebunden ist, kann dies schnell ermüdend sein. Ist die elterliche Präsenz nicht mehr da, kann eine Folge die Klage über Langeweile sein.

Langeweile ist ein als negativ erlebter Zustand, geprägt durch Eintönigkeit, Interessenverlust und verminderte Konzentration. Abhilfe schafft dann oft die schnelle und einfache Zufuhr neuer Reize. Die heutige Zeit bietet über die elektronischen Medien hierfür eine Vielzahl von Möglichkeiten, was aber oft eine zu einfache Lösung und entsprechend zwiespältig ist.

«Hans im Schnäggeloch»

Langeweile wurzelt auch oft im Missverhältnis zwischen Wunsch und realer Möglichkeit: Was der Gelangweilte haben kann, interessiert ihn nicht; was ihn interessiert, kann er nicht haben («De Hans im Schnäggeloch …»). Dies entsteht oft durch das Entwerten der kleinen Schritte hin zum Gewünschten. Sie kennen vermutlich das Klagen der Kinder, wenn sie ihnen einen «sinnvollen» Vorschlag zur Beendigung der Langeweile machen: «Ach nein …, viel zu anstrengend …, mag ich nicht …» usw. Somit entsteht Langeweile dann oft auch aus einer Verwöhnung.

Die Langeweile hat eine aktive Verwandte: die Musse. Die Musse ist das tätige Nichtstun, der schöpferische Einsatz von Freizeit, unabhängig von den Zwängen der Arbeit, den gesellschaftlichen Forderungen oder den Verführungen der Freizeitindustrie. Musse ist eine Voraussetzung für Selbstfindung und kreative Selbstverwirklichung.

Die Musse wird heute kaum mehr gepflegt, obwohl sich täglich Gelegenheiten dazu bieten: das Warten an der Bushaltestelle, in der Reihe vor der Kasse, auf der Fahrt im Zug usw. Die Köpfe der Menschen sind dann aber meistens etwa im 45°-Winkel nach unten gesenkt, und die Finger huschen über rechteckige, in der Hand gehaltene Geräte. Zudem hat die Musse in einer auf Out-put getrimmten Gesellschaft eine schlechte Presse: «Der Müssiggang ist aller Laster Anfang.»

Kreativität aus Langeweile

Ich empfehle Ihnen, Ihre Kinder auch mal in der Langeweile «schmoren» zu lassen. Falls sie Ihre Hinweise ablehnen, wie sie die Langeweile auch unabhängig von Ihrer Präsenz beenden könnten, können Sie auch mal «nicht mehr weiter wissen». Ein Moment der Leere, der Verdrossenheit oder eben der Langeweile geht oft der Kreativität voraus. Kinder – und ihre Eltern – können lernen, diese Phase auszuhalten. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen, die in eine Phase der Langeweile und Monotonie versetzt wurden, sich anschliessend durch kreativere Ideen auszeichneten.

Wenn die Kinder die eigene Langweile selbst überwinden, fördert dies zudem die Selbstständigkeit und das Erleben, selber etwas bewirkt zu haben. Dieses Erleben wächst, wenn die Kinder erfahren, dass sie aus sich selbst heraus zu interessanten Tätigkeiten finden.

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