Streitigkeiten verhindern körperliche Intimität

(Keystone)
BEZIEHUNG ⋅ Immer, wenn meine Partnerin und ich Streit haben, finden wir auch körperlich nicht mehr zueinander. Dabei soll es angeblich Paare geben, die aus Spannungen oder Konflikten besonders viel Anziehung entwickeln. Wie ist das möglich? Und wie kann ich dafür sorgen, dass ein Streit unsere Intimität nicht beeinträchtigt?
08. Juni 2017, 05:00
Andrea Munz

Sexualität ist ein komplexes, für die meisten Menschen wichtiges Thema, das uns immer wieder fasziniert und verunsichert. Deshalb suchen wir Orientierung, indem wir Informationen von anderen Menschen sammeln und diese mit uns selber vergleichen. Doch sind solche Vergleiche oft wenig hilfreich. Jedes Paar gestaltet seine Sexualität anders, weil jede Beziehung einzigartig ist und von den Wünschen und Bedürfnissen der zwei Individuen geprägt ist.

Rückzug und Versöhnung

Für viele Menschen ist ein Streit eine emotionale Belastung, und sie brauchen Zeit, um sich zunächst mal davon zu erholen. Einige brauchen einen Moment Zeit für sich allein, anderen tut Bewegung gut, ein Tapetenwechsel, Musik oder ein Gespräch mit einer Drittperson. Es geht darum, etwas zu tun, das hilfreich ist, um zu reflektieren, was gerade passiert ist, damit man dem Partner anschliessend wieder versöhnlich und entspannt begegnen kann.

Viele können sich erst auf körperliche Nähe einlassen, wenn die Meinungsverschiedenheit zu Ende diskutiert und eine gemeinsame Lösung gefunden worden ist. Solange das Thema noch im Raum steht, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass der Streit weitergeht, und das schafft meistens Distanz.

Frauen wollen bereinigen

Interessant ist, dass Männer und Frauen sich in ihren Streitmustern oftmals unterscheiden. Für Frauen ist es wichtig, die Differenzen zu bereinigen. Und das geht hauptsächlich über das Gespräch oder mehrere und lange Gespräche. Männer tendieren dazu, Differenzen auch mal stehen zu lassen und sich einem anderen Thema oder einer anderen, konkreten Aktivität zuzuwenden. Sie wollen oft nicht «nur» reden, sondern etwas Sichtbares, Fassbares tun. Sexualität kann für das Paar etwas sein, das ihnen hilft, sich wieder enger verbunden zu fühlen.

Es gibt auch Paare, für welche die Emotionalität eines Streites zu einer lustfördernden Spannung führt. Die gelebte Sexualität wird durch die zusätzliche Aufregung und Erregung besonders intensiv erlebt, bis ein Orgasmus zur Entspannung führt. Für einige Paare stimmt es, rascher intim zu werden, während andere dafür mehr Zeit brauchen. Wichtig ist, authentisch zu sein und die eigenen Neigungen und diejenigen Ihrer Partnerin ernst zu nehmen.

Nehmen Sie Ihre Bedürfnisse nach Nähe und Distanz bewusst wahr, und teilen Sie diese Ihrer Partnerin mit. Zum Beispiel «Ich hätte jetzt Lust auf ... einen Moment allein sein, gemeinsam einen Spaziergang machen, mit dir ins Bett zu gehen. Worauf hast du Lust?» Damit signalisieren Sie Ihrer Partnerin, was Sie gerne tun würden, um die Streitphase zu beenden. Und geben ihr gleichzeitig Raum, auch ihre Bedürfnisse zu äussern. Wenn nur eine Seite den Wunsch nach mehr Nähe hat, gilt es zu warten, bis der Zeitpunkt für beide passt. Denn eine respektvolle und erfüllende Sexualität kann nur stattfinden, wenn beide Partner sich diese Form der Nähe wünschen.

Andrea Munz


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