Muss ich so viel Technisches über Sexualität wissen?

(Symbolbild: Christof Borner-Keller)
BEZIEHUNGEN ⋅ In Buchhandlungen sehe ich (m, 45, verheiratet) immer mehr Bücher über Sexualität, darunter auch sehr Technisches zum Beispiel über Tantra oder den G-Punkt der Frau. Sollte ich mich auch damit befassen? Muss ich wirklich so viel wissen und auch so zahlreiche, auch anatomische Details kennen?
03. August 2017, 05:00

Sexualität ist ein Thema, über das einerseits viel geredet, geschrieben und publiziert wird. Aber andererseits auch viel geschwiegen. Nur ganz wenigen Menschen gegenüber – wenn überhaupt – öffnet man sich und erzählt von eigenen Sehnsüchten und heimlichen Fantasien.

Der Umgang mit der eigenen Körperlichkeit sowie derjenigen des Gegenübers fasziniert und überfordert gleichzeitig. Wir spüren, dass wir uns rational mit Sexualität auseinandersetzen können, doch enthält das Thema auch einen irrationalen, unheimlichen Bereich. In der Sexualität werden wir teilweise von starken Kräften beeinflusst, und diese führen dazu, dass wir die Kontrolle verlieren können oder wollen.

Die Frage ist, aus welchem Grund wir uns der Ratgeberliteratur (oder -filmen) zuwenden und was wir zu finden hoffen. Suchen wir ein gutes Aufklärungsbuch für unsere Kinder, ein anregendes Buch für das eigene Liebesleben, oder wollen wir mehr über irgendwelche östlichen oder westlichen Liebestechniken erfahren?

Eher Inspiration als Wissen

Wenn Sie sich zum Beispiel zusätzliches Wissen über den G-Punkt oder Tantra aneignen wollen, finden Sie entsprechende Ratgeber im Buchhandel. Vielen geht es bei der Lektüre jedoch nicht hauptsächlich um den Erwerb neuen Wissens, sondern um Inspiration für das eigene Liebesleben. Man will sich anregen oder erregen lassen.

Interessant ist, dass viele Menschen Beschreibungen oder Bilder, die etwas andeuten (und nicht alles preisgeben) als erotischer empfinden als zu viel Nacktheit oder technische Beschreibungen von Stellungen. Sexualität hat viel mit unseren Fantasien zu tun, mit Andeutungen und Verführung.

Besser Partnerin fragen

Ein sinnvolles Grundwissen über Sexualität umfasst die Themen Verhütung und Prävention vor Krankheiten. Ansonsten braucht es kein technisches Zusatzwissen. Einfacher und erst noch individueller ist es, ihre Partnerin zu fragen, was ihr im Bett gefällt, was sie sich wünscht, und auch eigene Bedürfnisse offenzulegen. Überlegen Sie sich, welche Gedanken, Fantasien und Bilder Sie anregen. Falls Sie hierzu Inspiration in der Ratgeberecke finden, nutzen Sie diese. Für einige Paare ist das gemeinsame Lesen oder Betrachten von Büchern, Bildern oder Filmen ein passendes Liebesritual.

Lehrbuch nicht ins Bett

Wer jedoch mit einem Lehrbuch im Bett liegt, um dann Schritt 1, 2, 3 «abzuarbeiten», wird es wohl schwierig haben, in einen emotionalen Freiflug zu gelangen. Sexualität hat viel mit Loslassenkönnen zu tun. Wenn Sie Ratgeberbücher lesen, vertrauen Sie darauf, dass Sie sich im passenden Moment an das für Sie Wichtige erinnern werden. Vergessen Sie nicht, genügend Raum für spontane Wünsche und Ideen zuzulassen, denn diese machen den Augenblick speziell und einzigartig. Lassen Sie sich also von Ihrer Partnerin und vom Moment davontragen und überraschen.

Andrea Munz


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