Ratgeber

Gewalt: Soll ich mich von meinem Partner trennen?

(Bild: Esther Michel/LZ)
BEZIEHUNGEN ⋅ Ich (w, 42) lebe seit 9 Jahren mit meinem Partner zusammen. Unsere Beziehung war anfänglich ­wunderbar. Inzwischen passiert es öfter, dass er mir gegenüber Wutanfälle kriegt. Auch schon hat er mich grob umgestossen. Eigentlich liebe ich ihn sehr. Ich weiss nicht, was ich machen soll. Eine Trennung scheint mir allzu hart.
29. Juni 2017, 05:00
Margareta Reinecke

Wer schon möchte nicht eine Beziehung, die einfach nur gut ist, in der man sich gegenseitig versteht, wertschätzt, vertraut. Sie fragen sich zu Recht, weshalb Ihre anfängliche Verliebtheit mit all den schönen Erlebnissen nicht einfach fortbestehen kann und sich stattdessen unschöne Gefühle breitmachen.

Nicht selten kriege ich in meiner Praxis zu hören, wie sich Partner langsam verändern, sich aus einer liebenswürdigen eine aggressive, oft sogar gewalt­bereite Person entwickelt. Die Frage ist nun: Ist es der andere, der sich verändert? Oder verschiebt sich meine Sichtweise?

Schmerzhafte Entdeckung

Verliebt sein heisst ja oft auch, durch die berühmte rosarote Brille zu sehen. Schreitet eine Be­ziehung voran, ist es normal, mit der Zeit andere Seiten unse­res Gegenübers zu entdecken – Seiten, die wir anfänglich nicht ­sehen konnten oder wollten.

Heute fragen Sie sich, ob Sie sich von Ihrem Partner trennen sollten, obwohl Sie ihn immer noch lieben. Zu entdecken, dass der Partner destruktive Seiten hat, einem damit auch Schaden und Schmerz zufügen kann, ist erschreckend. Anfänglich versuchen wir, dies als etwas Einmaliges abzutun, das Verhalten zu entschuldigen (er war halt müde, er hatte viel zu tun). Wenn sich aber ein solches Verhalten häuft, dürfen wir es nicht mehr verleugnen. Sonst laufen wir Gefahr, in eine Gewaltspirale zu geraten, wo ein gewalttätiges Verhalten immer wieder verschwiegen wird und somit nicht aufhören kann.

Ich vermute, Ihr Bauchgefühl sagt Ihnen schon länger, die Beziehung zu beenden. Ihr Ver­stand aber hat auch Argumente zum Bleiben, etwa die mög­lichen finanziellen Probleme. Hinzu kommt vielleicht die vor dem Alleinsein, vor Verände­rungen generell. Und eigentlich heisst lieben doch, die geliebte Person mit all ihren Facetten zu akzeptieren. Bereit zu sein, auch mal ihre Perspektive einzunehmen, um ihre Bedürfnisse und Wünsche zu verstehen.

Doch klar gilt: Bei Gewalt gilt es, Abstand zu nehmen, Gewalt ist ein absolutes No-Go. Entweder Ihr Partner arbeitet an seiner gewalttätigen Seite, oder Sie verabschieden sich möglichst bald. Ihr Partner hat die Möglichkeit, sich von einer Fachperson beraten zu lassen. In Luzern etwa gibt es hierzu agredis.ch, die Gewaltberatung von Mann zu Mann anbietet.

Nicht in Opferrolle bleiben

Für Sie ist es wichtig, mindestens eine nahe Bezugsperson zu haben, der Sie von Ihren Gedanken und Gefühlen erzählen können. Sie können auch die Dienste einer Opferberatungsstelle in Anspruch nehmen. Diese kann auch weitere Hilfe vermitteln, etwa von Anwälten, Psychotherapeutinnen oder Notunterkünften.

Verharren Sie nicht in der Opferrolle, schützen Sie sich, indem Sie die wichtigen Schritte unternehmen. Im besten Fall können Sie diese gemeinsam mit Ihrem Partner besprechen. Vor allem: Werten Sie nicht die ganze Beziehungszeit ab. Die guten Zeiten hat es gegeben. Und wenn beide ihre Schritte tun, kann die Beziehung durchaus auch Möglichkeiten zum Weiterbestehen bereithalten.

Margareta Reinecke
 

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