Ratgeber

Ein Freund hat mir pädophile Neigungen gestanden

Symbolbild (Bild: Archiv LZ/Eveline Bachmann)
BEZIEHUNGEN ⋅ Im Kontext mit dem Fall Jürg Jegge vertraute mir (m, 41) ein guter Freund an, auch er habe pädophile Neigungen. Er habe dies lange verdrängt, heute schaue er sich im Internet entsprechende Filme an. Das hat mich schockiert. Was ist, wenn er seine Fantasien auch in die Tat umsetzen will? Was soll ich ihm zu diesem Thema sagen?
13. April 2017, 04:00
Eugen Bütler, Luzern

Es ist ein Zeichen von grossem Vertrauen, wenn Ihnen Ihr Freund von seinen sexuellen Präferenzen erzählt. Zu oft haben Männer (oder Frauen) mit dieser Vorliebe erfahren, wie schnell das Umfeld mit Abneigung bis Hass reagiert. Ich empfehle Ihnen deshalb, dem Mann Respekt für seine Offenheit entgegenzubringen.

Sie fragen sich, wie weit er schon gegangen ist, ob er sich allenfalls schon des Missbrauchs schuldig gemacht hat. Fragen Sie deshalb sorgfältig nach, auf welche Art er seine Neigung ausgelebt hat.

Bei weitem nicht alle Menschen mit pädophiler Präferenz setzen diese in die Tat um. Zudem wird die Mehrzahl der Übergriffe, von denen wir in den Medien lesen, nicht von wirklich pädophil Veranlagten begangen. Vielmehr von Leuten, die mangels Gelegenheiten oder eigener Fähigkeiten nicht in der Lage sind, eine gleichwertige Sexualität zu leben. Menschen also, die aus irgendwelchen Gründen das Gefälle Erwachsener–Kind suchen. Und damit oft grosses Leid verursachen.

Herunterladen ist strafbar

Das Problem beginnt aber schon beim Besitz und Konsum von kinderpornografischen Bildern und Filmen. Beides ist strafbar. Dies völlig zu Recht, denn erst der Konsum motiviert die Herstellung des Materials, für das Kinder und Jugendliche missbraucht werden. Ich nehme an, dies ist Ihrem Freund bewusst, andernfalls müssten Sie ihn darauf hinweisen.

Sie begehren Verbotenes

Pädophil veranlagte Menschen fühlen sich sexuell von Kindern angezogen. Gleichzeitig sind sich die allermeisten bewusst, wie sehr verletzend die konkrete Umsetzung ihrer Vorliebe für Kinder wäre. Sie lieben und begehren etwas, das sie sich dauernd verbieten müssen. Die meisten anderen sexuellen Vorlieben lassen sich viel leichter in die Tat umsetzen. Pädophile leiden also nicht nur unter der Verachtung ihrer Umwelt, sondern auch unter dem Verzicht auf etwas, das sie magisch anzieht. Es ist wichtig, dass sie Menschen haben, mit denen sie über ihre Situation sprechen können. Ich empfehle jedem pädophil Veranlagten eine professionelle Beratung oder Begleitung. Eine solche hilft, konstruktiv mit der sexuellen Vorliebe und dem damit verbundenen Verzicht umzugehen.

Alternativen Weg suchen

Viele Pädophile suchen in der Ausrichtung auf Kinder das Unbeschwerte in der Sexualität. Wenn es einem pädophil veranlagten Mann im besten Fall gelingt, diese Leichtigkeit mit einem erwachsenen Partner zu erleben, dann hat er einen alternativen Weg gefunden. Dies setzt allerdings meist die Aufarbeitung von traumatischen Erfahrungen in der Lebensgeschichte und eine längere therapeutische Begleitung voraus. Es ist deshalb sinnvoll, wenn Sie Ihrem Freund eine Beratung oder Therapie empfehlen. Was immer er entscheidet: Es ist wertvoll, wenn Sie ihm weiterhin als Freund und Zuhörer zur Seite stehen und ihm helfen, neue Wege zu finden.

Eugen Bütler
 

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