«Alle paar Jahre muss ich wieder für längere Zeit ins Ausland, um neue Inspiration und Abstand vom schweizerischen Alltagstrott zu bekommen», sagt Martin Ramsauer, Geograph und Ethnologe aus Rapperswil-Jona. Er wirkt ruhig, freundlich und bescheiden. Sein zurückhaltendes Auftreten lässt nicht erahnen, was für ein weitgereister Abenteurer in ihm steckt. Aber seine lebhaften blauen Augen spiegeln die Weltoffenheit dieses passionierten Fotografen wider.
«Perspektivenwechsel sind sehr wichtig in meinem Leben; aus der Distanz erkennt man die Relativität der eigenen Betrachtungsweise», sagt Ramsauer, der, sportlich wie er ist, auch gern Berge erklimmt, um sich in höchster Höhe neue Blickwinkel auf die ihn umgebende Welt zu gönnen.
Zu einem Perspektivenwechsel der besonderen Art kam es 2005, als ihm die Schweizer Sichtweise wieder mal etwas zu eng geworden war und ihn das innere Bedürfnis nach einem längeren Auslandsaufenthalt per Zufall an einen Anlass der Entwicklungsorganisation Interteam führte. Dort lernte er das vom Tibet-Institut Rikon getragene Projekt «Science meets Dharma» kennen. Ramsauer war sofort von der Idee begeistert, während eines Jahres in einem tibetischen Exilkloster in Indien Mönche in Naturwissenschaften zu unterrichten und so in den Dialog zwischen Wissenschaft (Science) und buddhistischer Philosophie (Dharma) zu treten.
Bereits 2001 war er auf seinen Reisen durch Thailand, Kambodscha, Laos und vor allem in Burma mit dem Buddhismus konfrontiert worden. Fasziniert von dieser Religion hatte er damals viele Klöster in Burma besucht, mit den Mönchen gesprochen und sich nach seiner Rückkehr in die Schweiz in die Lehre Buddhas vertieft. Insofern war ihm der Kontakt mit buddhistischen Mönchen nicht ganz fremd.
Aber er wollte noch mehr über den Buddhismus wissen und beschloss nach dem Vortrag, an eines dieser tibetischen Exilklöster in Südindien zu gehen.
Während der darauffolgenden Monate wurde Ramsauer von Fachleuten gut auf die Projektarbeit im Kloster Sera in Kushalnagar nicht weit von Mysore vorbereitet. Und sieben Monate später stand er dann am Flughafen Zürich – mit Gepäck für ein Jahr Indien.
Es war selbst für ihn, den Vielreisenden, ein grosser Schritt, in ein Land zu gehen, vor dem er trotz all seiner bisherigen Erfahrungen in Südostasien und Lateinamerika ziemlichen Respekt gehabt hatte.
Das Projekt «Science meets Dharma» ist 1998 auf Wunsch des Dalai Lama entstanden, die geistige Tradition seines Volkes in den lebendigen Dialog mit der modernen Welt bringen.
Ziel des Projektes ist es, tibetischen Nonnen und Mönchen Einblick in die Denkweise westlicher Natur- und Geisteswissenschaften zu geben. Sie sollen dadurch das Rüstzeug erhalten, um sich mit weltlichen Tibetern über heutige Lebensfragen besser auseinandersetzen zu können.
«Die weltlichen Tibeter leben in einer modernen Welt und wenn sich die Klöster nur mit der geistigen Lehre des Buddhismus befassen, entfremden sie sich von diesem Leben und damit auch von ihrem Volk. Unser Projekt <Science meets Dharma> hilft, die Mönche mit dem Alltag zu verknüpfen», sagt Philip Hepp, Kurator des Tibet-Instituts Rikon.
Berührungsängste mit der Moderne haben die Mönche nicht, im Gegenteil, erzählt Ramsauer. Sie prägt eine unbändige Neugier. Ganz selbstverständlich benutzen sie Handys, fahren zum Teil Motorrad und leihen sich Fernseher. «Letzteres machen sie vor allem in ihren zwei Wochen Ferien pro Jahr», sagt Ramsauer. «Und dann tun die Mönche das, was Sie sonst nie dürfen – nonstop fernsehen, mit Vorliebe Actionfilme.»
Ramsauer war von «Science meets Dharma» als Naturwissenschaftslehrer im Freiwilligenstatus angestellt. Er unterrichtete – mit Hilfe eines Übersetzers – primär Geographie und Biologie in den Männerklöstern Sera und Tashi Lhunpo.
Die Mönche haben kein Vorwissen in Naturwissenschaften, aber weil sie geistig unglaublich agil und geschult sind, lernen sie schnell. Mit einfachen Erklärungen lassen sie sich aber nicht abspeisen, sie hinterfragen alles und wollen, so wie es in der Lehre Buddhas üblich ist, den Dingen auf den Grund gehen.
«Der Lernprozess ist ein ganz anderer», sagt Ramsauer, der derzeit an der Kantonsschule Schaffhausen unterrichtet und einen Vergleich mit Schweizer Schülern zieht.
«Die Mönche haben mich mit Fragen bombardiert, so wie sie es von ihren philosophischen Debatten her gewohnt sind. Es reicht ihnen nicht zu wissen, wie gross die Distanz von einem Planeten zum anderen ist. Sie wollen wissen, wie die Distanz berechnet wurde, wer dies getan habe, warum und was das überhaupt für ein Mensch sei, der die Distanzen von Planeten berechne.»
Sie seien offen für das Neue, was aber nicht bedeute, dass sie ihre traditionellen Vorstellungen jeweils durch die naturwissenschaftlichen Erklärungen ersetzen, erklärt Ramsauer. «Für die Mönche war es durchaus denkbar, dass Erdbeben sowohl durch Verschiebungen tektonischer Platten zustande kommen wie auch durch die Bewegungen eines riesigen Fisches im Erdinnern. Beide Erklärungen liessen sie gleichwertig nebeneinander stehen.»
Das Schwierigste beim Unterrichten der Mönche sei gewesen, dass Lehrer und Schüler von zwei völlig verschiedenen Weltbildern ausgingen, sagt Ramsauer. So sei der Buddhismus viel weniger vom dualistischen Denken der westlichen Welt geprägt. Auch die Sprachen unterschieden sich derart, dass man gewisse Sachverhalte überhaupt nicht übersetzen könne. Tibetisch unterscheide zwar nicht zwischen «Luft» und «Wind», dafür gebe es aber für «Bewusstsein» vierzig verschiedene Begriffe, erklärt Ramsauer.
Hier in der Schweiz sei es dagegen sehr schwer, im Unterricht spannende, angeregte Diskussionen zu führen. Fast etwas nostalgisch fügt er hinzu, dass er wohl nie mehr solch interessierte Schüler unterrichten werde wie im tibetischen Exilkloster.
Ein besonders intensives Erlebnis während der Zeit im Kloster Sera war für den Schweizer der sechstägige Besuch des Dalai Lama, den er auf Wunsch der Klosteradministration als «Hoffotograf» aus nächster Nähe erleben durfte. «Im Vorfeld des Besuches stand ich dem extremen Personenkult des tibetischen Volkes sehr skeptisch gegenüber.
Als ich dann aber diese unglaubliche Gelassenheit, innere Ruhe und Ausstrahlung des Dalai Lama selbst erfahren habe, konnte ich die Tibeter verstehen. Er ist ein ganz besonderer Mensch, der alle um sich herum in seinen Bann zieht.»
Die anderthalb Jahre Indien, das Leben und die Begegnungen in einer derart anderen Kultur haben Ramsauer stark geprägt. «Das Entscheidendste, das mir blieb, ist, dass es verschiedene Perspektiven gibt, und unsere nicht immer die einzige, geschweige denn die richtige ist», sagt er. Auch habe er wieder ein Stück mehr Gelassenheit mit nach Hause genommen. Heute versucht Ramsauer, einiges aus der Lehre Buddhas, der er sich sehr verbunden fühlt, in sein tägliches Leben zu integrieren.
Dies währt meist so lange, bis der Schweizer Alltagstrott ihn wieder einholt habe und er gemäss seinem Lieblingszitat von Mark Twain, den sicheren Hafen der Heimat verlässt und erneut in die Welt zieht, um «zu erforschen, zu träumen und zu entdecken».
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