Leben: 06. Februar 2010, 10:00

Heimat Kanada

Zwischen zwei Heimaten: Nino Odermatt. Bild: Reto Martin
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Auswanderer 676 000 Schweizer leben im Ausland. Ein beliebtes Ziel zum Auswandern ist Kanada. Das Land, in dem nächste Woche die Olympischen Winterspiele beginnen, hat viel zu bieten. Doch einfach ist es nicht, dort Fuss zu fassen.

Philippe Reichen/Rolf App

Nino Odermatt ist Schweizer und Kanadier zugleich. Seine Familie verliess die Schweiz, als er sieben Jahre alt war. Im vergangenen Herbst kehrte der heute 19-Jährige zurück, um bei seinem Onkel, der im appenzellischen Speicher eine Sägerei hat, zu arbeiten. Er kannte die Schweiz von Besuchen und vom «Hörensagen». Nach einigen Monaten Aufenthalt hält der Schweizer Alltag noch immer viele Überraschungen bereit: zum Beispiel die Fasnachtszeit.

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Welches sind die gewichtigsten Unterschiede zwischen der Schweiz und Kanada? Die Frage ist verfänglich. Kanada sei gross, die Schweiz klein; die Kanadier seien wahrscheinlich relaxter, die Schweizer gestresster. Bald wird klar: Nino Odermatt tut sich schwer, die beiden Länder einander gegenüberzustellen.

Am Jodlerfest in Luzern

Auch, weil er beide als «meine Heimat» bezeichnet. Die eine Heimat gibt es nicht. Das zeigt sich in seinen Hobbies.

In Kanada hat er mit anderen Auslandschweizern jodeln gelernt, um die Schweizer Wurzeln weiterzupflegen. Sein Jodel-Chörli mass sich 2008 am Eidgenössischen Jodlerfest in Luzern.

Jodeln, Eishockey

Dort wurde der Chor «in der zweiten Stärkeklasse klassiert», wie der 19-Jährige nicht ohne Stolz erwähnt. Noch wichtiger ist ihm das Eishockeyspielen, in Kanada die wichtigste Volkssportart.

Mit zehn Jahren hat er seine eigene Ausrüstung gekauft und stürmt seither für den Club «Sylvan Lake Minor Hockey».

Keine guten Erinnerungen

Nino Odermatt hat keine guten Erinnerungen an den Tag, an dem die Familie auswanderte. Das war im Jahr 1997. Nino Odermatt, damals siebenjährig, besuchte die zweite Kindergartenklasse, als es hiess: «Wir wandern nach Kanada aus.» Er wusste nicht, was ihn in Kanada erwartete, die weitgereisten Eltern hingegen versprachen sich viel von einem Leben in Übersee.

Die vierköpfige Familie räumte ihr Einfamilienhaus und stellte sämtliche Möbel in einen Frachtcontainer. Nino Odermatt, seine Schwester und die Mutter nahmen das Flugzeug. Nino weinte. Das Kabinenpersonal schickte ihn zu den Piloten ins Cockpit, um ihm Ablenkung zu verschaffen. Der Vater folgte der Familie zwei Tage später. Er kaufte sich einen Direktflug, um mit dem Hund reisen zu können.

An fünfter Stelle

Kanada ist ein seit Jahrhunderten beliebtes Auswanderungsziel für die Schweizer. Als vermutlich erste erreichten im 17. Jahrhundert die Solothurner Jean Terme und sein Kollege Rutac die noch sehr unwirtliche Gegend. Sie siedelten sich in der Gegend der heutigen Stadt Québec an, die damals «Nouvelle France» hiess. Auch einige Pioniere aus der Region Fribourg wagten sich in jenen Jahren nach Kanada vor.

Der Hauptharst der Auswanderer suchte allerdings eher in New York und Baltimore sein Glück – was sich bis in die Gegenwart hinein nicht geändert hat.

Ende 2008 sind bei den Vertretungen der Schweiz im Ausland insgesamt 676 176 Schweizer Staatsangehörige gemeldet gewesen, das entspricht etwa der Bevölkerung des Kantons Waadt. Geographisch an der Spitze steht Frankreich, gefolgt von Deutschland, den USA, Italien und, an fünfter Stelle, Kanada. 38 200 Schweizer leben dort.

Hereingelassen werden sie nach einem Punktesystem. Gesucht sind gutausgebildete Kaufleute, Kaderleute, Selbständige, Unternehmer und Investoren. Sie müssen sich zurechtfinden in einer Welt, die zwar Platz bietet, aber auch in vielem ungewohnt ist.

Flucht vor dem Fremden

Für Nino Odermatt waren die ersten Wochen und Monate in der Umgebung der Stadt Red Deer eine triste Zeit. Alles war ihm fremd, er hatte keine Freunde, verstand die Sprache nicht.

Er floh, wenn er zur Schule gehen sollte, und nahm sogar während der Schulstunden Reissaus, so dass die Lehrer nach ihm suchten mussten.

Heute, zwölf Schuljahre später und mit dem High-School-Abschluss im Curriculum, sagt er vorsichtig: «Ich fühle mich eher als Kanadier.» In Kanada habe er seine Kollegen und die Familie. Der Vater arbeitet als Bodenleger und führt ein eigenes Unternehmen.

Nino Odermatts einjähriges Berufspraktikum als Zimmermann soll ihm helfen, sich zu entscheiden, welchen Berufsweg er einschlägt. Bis Juli 2010 lässt er sich Zeit, dann möchte er sich entscheiden. Vieles ist offen, auch, ob seine Zukunft in der Schweiz liegt.



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