Leben: 02. Februar 2010, 01:02

Die vier von der Ranch

Ausgezogen, um dem Farbfernsehen zum Durchbruch zu verhelfen – und ein enormer Erfolg (v. l.): Adam (Pernell Roberts), Ben (Lorne Greene), Little Joe (Michael Landon) und Hoss Cartwright (Dan Blocker). Bild: ap/abc

Mit Pernell Roberts hat letzte Woche der letzte der «Cartwrights» aus der Fernsehserie «Bonanza» das Zeitliche gesegnet. Sein Tod weckt Erinnerung an Sonntagabende mit dem Ponderosa-Clan, an deren Spitze unangefochten «Pa» stand. Auf dem Höhepunkt schalteten wöchentlich 480 Millionen Zuschauer in 97 Ländern ein.

Roland Schäfli

Lange vor japanischen Heidi-Trickfilmen und noch länger vor CSI gab es auf unseren Bildschirmen praktisch nur Westernserien. «Die Leute von der Shiloh Ranch» oder «High Chapparal». Und eben «Bonanza». Vier Grossgrundbesitzer herrschten wie Könige über eine Ranch an Nevadas Goldküste und über unseren Sonntagabend. Es war das Familienerlebnis der Teleboy-Generation, Woche für Woche diese Sozialarbeiter bei der Unrechtsvertilgung zu beobachten. Ihre Hilfsbereitschaft schlug selbst unsere amtierende Aussenministerin.

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Ein Familienepos

Tatsächlich war Bonanza ein Familienepos im Wildwestgewand. Klar, ab und zu musste ein Cowboy ins Gras beissen, was ohne viel Filmblut vonstatten ging. Doch das Rückgrat waren die familiären Verhältnisse zwischen Little Joe, dem Küken, Hoss, dem tanzbärenhaften Koloss, Adam, dem besonnenen ältesten Filius, und dem Patriarchen Ben, mit schlohweissem Haar und respektablen Koteletten.

Sein Büro stand den Stammhaltern immer offen – kein Wunder, lag es doch im Wohnzimmer, gleich neben dem massiven Steinkamin, in dem stets ein Baumstamm brannte.

Die Junggesellen-Farm duldete Frauen nur als Durchreisende. Sobald sich ein Cartwright ernsthaft verliebte, sorgte ein tragischer Querschläger dafür, dass in der Männerwirtschaft alles beim alten blieb. Papa Cartwright war dreifacher Witwer und unangefochtenes Oberhaupt der Sippe. Darsteller Lorne Greene erhielt unzählige Briefe von Teenagern, die in ihm eine Vaterfigur sahen.

Es gibt alles auf DVD

Diese Aufgabe war für die Kinder des Wirtschaftswunders, deren Väter arbeiten mussten, auch in unseren Breitengraden nicht unwesentlich. Und Bens Hinweis an den chinesischen Koch «Hop Sing, wir reiten in die Stadt» ging in den nationalen Sprachgebrauch ein.

Die Laufzeit von vierzehn Jahren ist nach heutigen Sehgewohnheiten beachtlich.

Heute wartet das Publikum nicht auf die nächste Ausstrahlung, sondern kauft die Serie im DVD-Sammelschuber gleich en bloc. Wer die Bonanza-Historie nun im Schnelldurchlauf rekapituliert, dem fällt ein dramaturgisches Muster auf. Denn die vier Rancharbeiter sollten vor allem eins: Werbespots verkaufen. «Unsere Sendungen sind eigentlich nur Füllmaterial zwischen Werbebotschaften», sagte damals der Boss des TV-Senders NBC.

Die vorgesehenen Unterbrüche erfolgen zu zeitlich definierten Höhepunkten. Die Werbeschaltungen sind bis heute sichtbar – wo die Musik anschwillt, das Bild ins Schwarz blendet, jedoch die Figuren nach der Aufblende an derselben Stelle ausgeharrt haben. Als «Bonanza» in deutschen Landen lief, war Unterbrecherwerbung freilich noch nicht in der Schweiz angekommen.

Ziel: Farbfernseher verkaufen

Tatsächlich verdanken wir die «Goldgrube», so die wörtliche Übersetzung von Bonanza, der rein kommerziellen Absicht, Farbfernseher zu verkaufen. Als am 12. September 1959 (Deutschland: 13. Oktober 1962) die erste Folge gesendet wurde, besassen erst fünf Prozent der US-Haushalte einen Farbfernseher. NBC, Tochterfirma der RCA, hatte den Auftrag, Farbfernsehen mit einer besonders bunten Farbpalette schmackhaft zu machen.

Das Technicolor-Verfahren brachte unrealistische, aber kräftige Farben hervor, Little Joes leuchtend grüne Jacke oder Bens goldgelbe Weste.

Auch in der Schweiz ging die Rechnung auf: Gern verglich man sich im Mittelstand damit, ob man «Bonanza» schon in Farbe oder noch in Schwarzweiss sah. Auf dem Höhepunkt schalteten wöchentlich 480 Millionen Zuschauer in 97 Ländern ein.

In Nevada begann die Legende

Dass die langlebige Serie eine Fliessbandproduktion war, entdeckt das nunmehr geschultere Auge auf DVD: jene roten Steinfelsen entpuppen sich als bemaltes Pappmaché, und die Ferne, nach der man sich im Fernsehsessel sehnte, war der kunstvoll bemalten Studiowand zu verdanken. Logistisch unmöglich, 14 Jahre und 431 Episoden lang vom Wetterglück abhängig zu sein.

Dass der stattliche Wohnsitz lediglich Fassadenbau unter Kunstlicht war, ist leicht zu erkennen, wenn ein Cartwright auf dem Hofplatz vier Schatten wirft. Der obere Teil des Giebels war nie im Bild, weil dort Bühnenlampen hingen. Und wenn die Söhne «Gute Nacht, Pa!» wünschten, dann kamen sie oben an der Treppe nur an einer Wand an. Einige Wochen pro Jahr wurden auf Aussenaufnahmen am Schauplatz Lake Tahoe verwendet.

Dort ritten die Darsteller tagelang von links nach rechts (Richtung Stadt) oder von rechts nach links (zurück zur Ranch). Touristen begannen bald die Ponderosa zu suchen, wo sie gemäss brennender Landkarte doch liegen müsste. Ein findiger Unternehmer erkannte das Potenzial und hat die Ranch 1967 nachgebaut.

Adam, der Widerspenstige

Mit dem Tod von Pernell Roberts alias Adam Cartwright starb nun jener Darsteller zuletzt, der zuerst ausstieg.

Seine Aura verzückte Backfische und ältere Mädchen gleichermassen, hinter den Kulissen dagegen war der Theatermime unglücklich mit seiner Rolle. Er fand erklärungsbedürftig, dass ein erwachsener Mann noch bei seinem Vater wohnt.

Roberts erfüllte seinen Sechs-Jahres-Kontrakt (1959 bis 1965) nur, weil die Produzenten drohten, seine Karriere zu zerstören. Trotzig schlafwandelte er deshalb durch seine Rolle, blieb stoisch, wo seine «Brüder» chargierten. Gerade diese brütende, leicht arrogante Art verlieh ihm geheimnisvollen Sex-Appeal.

Roberts forderte von den Autoren, die Popularität für kontroverse Themen zu nutzen. Mit seiner radikalen Idee, man sollte ihm eine schwarze Frau zur Seite schreiben, war er aber seiner Zeit weit voraus.

Mit dem Revolver zur Stelle

Mitten im Kalten Krieg war «Bonanza» ein bunter «American Dream». So heisst es schon in der Titelmelodie: «Auf dieses Land setzten wir unser Brandzeichen, Cartwright ist der Name. Sucht jemand Streit mit einem von uns, hat er Streit mit uns allen.

» Obwohl sie sich um eine Menge Vieh zu kümmern hätten (dies besorgten unsichtbare Cowboys), waren die vier stets zur Stelle und mit dem Sechsschüsser schnell zur Hand, wenn ein Nachbar bedroht war. Die Ponderosa war das Äquivalent der Supermacht USA.



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