Leben: 27. Januar 2010, 01:01

Der Welt-Ökonom

Hans Christoph Binswanger: «Die Ökonomie hat viel verpasst.» Bild: Urs Bucher

Hans Christoph Binswanger ist keineswegs überrascht über die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise. Seit langem wirbt der Anhänger eines gemässigten Wachstums für ein Umdenken, jetzt glaubt der Ökonom die Zeit für seine Ideen gekommen – und ist als Referent gefragt wie selten zuvor.

Rolf App

Ist er der älteste aktive Ökonom unseres Landes? Hans Christoph Binswanger lacht auf seine etwas spitzbübische Art. «Ich habe mir das nie so genau überlegt. Wahrscheinlich schon.» Sicherlich aber ist er einer der muntersten seiner Zunft. Schon ganz ungeduldig steht der Achtzigjährige oben an der Treppe zum Institut für Wirtschaft und Ökologie der Universität St. Gallen, das er bis zu seiner Emeritierung geleitet hat – und in dem er noch immer ein Büro hat. Wenn er er nicht gerade unterwegs ist, arbeitet er hier.

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Gerade eben hat er ein neues Buch veröffentlicht mit dem schönen Titel «Vorwärts zur Mässigung», das seine Ideen in gut verständliche Zusammenhänge stellt.

Ideen werden salonfähig

Doch unterwegs ist Hans Christoph Binswanger viel. «Gerade eben in Berlin»; sagt er, «und schon bald wieder.» München steht auf dem Programm, und Sils im Engadin. Es sei «e chli vill», sagt Binswanger, und doch: Er freut sich, dass seine Gedanken wieder so gefragt sind. «Ich mag die Auseinandersetzung.»

Von einem Umdenken mag er zwar nicht reden, dazu kennt er die Welt der Wirtschaft denn doch zu gut. «Aber ein An-Denken scheint schon im Gang zu sein.» Ausdruck dieser Binswanger-Konjunktur ist möglicherweise jenes Gipfeltreffen der besonderen Art, zu dem die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» letzten Juni geladen hat. Hans Christoph Binswanger stiess da auf seinen ehemaligen Doktoranden Josef Ackermann.

Und weil Hans Christoph Binswanger so konziliant auftritt, erlaubt sich auch der Chef der Deutschen Bank nachdenkliche Zwischentöne. Indem er etwa sagt, es sei «ganz wichtig, Institutionen zu schaffen, die sich mit bedenklichen Entwicklungen rechtzeitig auseinandersetzen und verhindern, dass Spekulationsblasen entstehen».

Wenn schon ein Bankchef nach mehr Kontrolle ruft, dann kann tatsächlich etwas in Bewegung kommen. Dort, wo diese Bewegung sichtbar wird, kann man Hans Christoph Binswanger allerdings nicht antreffen. Am World Economic Forum in Davos. «Ich bin nur einmal in Davos gewesen», sagt Binswanger. «Das war ganz früh, beim zweiten Mal.»

Davos? «Nichts für mich»

Ob er nicht Lust hätte? «Nein, das ist nichts für mich», sagt Binswanger, ohne weiteren Kommentar. Und meint damit wohl: zu viel Zirkus, zu viel Beliebigkeit. Der kleinere Rahmen ist ihm lieber, das ernsthafte Gespräch ausserhalb des weltwirtschaftlichen Rampenlichts. Doch ist es die Welt und die Weltwirtschaft, um die Binswangers Gedanken kreisen. Es ist das Aufeinandertreffen des Begrenzten mit dem Unbegrenzten, das ihn umtreibt.

Die Natur ist endlich

Denn im Unterschied zum Geld, das sich beliebig drucken lässt, sind Wasser, Erde, Luft, sind Bodenschätze und Energiequellen nicht vermehrbar. Und weil sie einbezogen sind in eine nach oben zeigende Spirale des Wachstums, müssen sie verteuert werden, wollen wir nicht irgendwann auf dem Trockenen sitzen.

Binswangers Konzept einer ökologischen Steuerreform folgt einem einfachen Gedanken: «Wir müssen die Energie besteuern und die Einnahmen dazu verwenden, die Arbeit zu entlasten.» Obwohl momentan jeder auf die Finanzwelt schaut, ist Hans Christoph Binswanger überzeugt, «dass die ökologische Steuerreform kommen wird».

Dem gerade wieder in Kopenhagen diskutierten Emissionshandel gibt er dagegen weit weniger Chancen. «Solche Emissionsrechte festzulegen, ist enorm kompliziert, erfordert penible Kontrollen und ist sehr korruptionsanfällig», sagt er.

Im Plädoyer für die ökologische Steuerreform zeigt sich der Marktwirtschaftler. «Wir verdanken der Marktwirtschaft viel», sagt er, «vor allem verdanken wir ihr unseren Wohlstand.» Allerdings muss dieser Wohlstand mit Mass genossen werden.

Binswanger glaubt nicht, dass die Erde ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von fünf Prozent wie in den letzten Jahren auf die Länge zu verkraften vermag. «1,8 Prozent dürfen es allerhöchstens sein», sagt er, der dies in seinem grundlegenden Werk «Die Wachstumsspirale» begründet hat.

Die Magie des Geldes

Doch was, wenn die Weltwirtschaft um jeden Preis wachsen will? Dann wird sie auf jene «Magie des Geldes» setzen, deren Schattenseiten wir heute kennenlernen.

Von dieser Magie ist im Gespräch zwischen Hans Christoph Binswanger und Josef Ackermann auch die Rede. In der modernen Wirtschaft, sagt Binswanger, stellt das Papiergeld eine «Fortsetzung der Alchemie mit anderen Mitteln» dar – einen Versuch, aus nichts etwas Wertvolles zu machen. Seit dieses Papiergeld nicht mehr mit Gold gedeckt werden muss, können die Zentralbanken die Geldmenge beliebig ausdehnen.

Jene aber, die sie dazu treiben, sind die Geschäftsbanken. Doch auf die Dauer kann auch diese Form der Alchemie nicht funktionieren. Ungefähr 70 000 Milliarden Dollar haben sich zu Beginn der jüngsten Finanzkrise im globalen Geldtopf befunden, doppelt so viel wie im Jahr 2000.

Was man tun müsste

Wer Krisen verhindern will, muss deshalb bei der Geldmenge ansetzen. «Irving Fisher hat in den 30er-Jahren gefordert, dass die Zentralbank das ausschliessliche Recht zur Geldschöpfung haben soll», erklärt Binswanger. «Die Banken aber sollen verpflichtet werden, all ihre Guthaben durch Zentralbankguthaben oder Banknoten zu decken.» Das bedeutet, sie dürfen nicht beliebig Kredite sprechen. Dann, glaubt Binswanger, werden auch jene Boni reduziert werden, die derart zum Stein des Anstosses geworden sind.

So lässt sich viel lernen aus der Krise – auch für die Wissenschaft. «Die Ökonomie hat viel verpasst», sagt Binswanger. «Noch immer baut sie auf Modellen auf, die im vorletzten Jahrhundert konzipiert worden sind. Die Welt aber ist eine andere geworden.»

Hans Christoph Binswanger: Vorwärts zur Mässigung, Murmann, Hamburg 2009. Und: Die Wachstumsspirale, Metropolis, Marburg 2009


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