Der Body-Mass-Index (BMI) ist seit vielen Jahren das weltweit anerkannte Kriterium der Weltgesundheitsorganisation für die Definition von Fettleibigkeit (Adipositas). Er lässt sich aus dem Verhältnis zwischen Körpergewicht und Körpergrösse ableiten (siehe Kasten). Da Adipositas das Risiko für Herzerkrankungen stark erhöht, haben Mediziner bislang auch dafür den BMI als Indikator genommen.
Kanadische Forscher haben herausgefunden, dass das mit Übergewicht verbundene Gesundheitsrisiko damit nur unbefriedigend vorausgesagt wird (siehe Kasten).
Herr Fäh, was sind die Gründe für diese Fehlerquote?
Fäh: Ich kenne die Studie nicht im Wortlaut. Doch es ist bekannt, dass Adipositas in der Schweiz im Gegensatz zu den USA nur geringfügig zugenommen hat. Was sich aber verändert hat, ist der Zusammenhang zwischen Fettleibigkeit und Erkrankungsrisiko.
Was meinen Sie konkret?
Fäh: Personen, die in den Siebzigerjahren übergewichtig waren, hatten ein höheres Erkrankungsrisiko als solche, die heute übergewichtig sind. Eine Ursache könnte eine Veränderung der Körperzusammensetzung sein: beispielsweise, dass die Leute heute für einen gegebenen BMI einen höheren Muskelanteil haben als früher. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass sich die Vergleichsgruppe – also die Normalgewichtigen – in bezug auf ihr Risiko verändert haben. Was Herz-Kreislauf-Erkrankungen betrifft, muss heute nicht zwingend von einem Risiko ausgegangen werden, wenn eine Frau oder ein Mann übergewichtig ist, also einen BMI zwischen 25 und 30 hat.
Gibt es einen weiteren Grund, der direkt mit dem BMI zu tun hat?
Fäh: Ja. Ein weiteres, bislang unterschätztes Problem ist, dass der BMI Muskelmasse und Fett nicht unterscheidet. Ein Beispiel: Wer als Mann einen BMI von 26 hat, muss nicht dick sein, sondern kann einen durchtrainierten, muskulösen Körper besitzen, denn Muskeln sind bekanntlich schwerer als Fett. Mit anderen Worten: Wer zwar übergewichtig, aber sonst gesund ist und keine sonstigen Risikofaktoren wie Rauchen, hohen Cholesterinspiegel oder Blutdruck hat, muss nicht mit einem erhöhten Erkrankungs- oder Sterberisiko rechnen.
Spielt der Stoffwechsel nicht auch eine wichtige Rolle?
Fäh: Eine sehr wichtige sogar. Es gibt normalgewichtige Menschen, die entsprechend ihrem Stoffwechsel «übergewichtig» sind. Das bedeutet, dass sie so ungünstige Blutwerte – Zucker, Cholesterin, Insulin – haben, wie man sie sonst nur bei Übergewichtigen oder Fettleibigen mit BMI 30 oder höher findet. Umgekehrt gibt es Übergewichtige, die in bezug auf ihren Stoffwechsel Werte haben, wie man sie von Normalgewichtigen gewohnt ist.
Wie steht es um die Insulin-Empfindlichkeit, die bei Übergewicht auch immer erwähnt wird?
Fäh: Damit der Blutzuckerspiegel sinkt, braucht es das Hormon Insulin, das die Bauchspeicheldrüse produziert. Bei manchen Personen wirkt es gut, das heisst, es braucht wenig davon, um den Blutzucker zu senken. Mediziner nennen es eine hohe Insulin-Empfindlichkeit der Zellen, die den Zucker aus dem Blut holen. Viele haben aber BMI-unabhängig eine schlechte Insulin-Empfindlichkeit – mit negativen Konsequenzen für den Stoffwechsel. Dieser Faktor ist daher entscheidender als der BMI. Ausser Genen und Körpergewicht beeinflusst auch der Lebensstil die Insulin-Empfindlichkeit wesentlich.
Mediziner plädieren nun dafür, das Taille-Hüft-Verhältnis zur Risikoabklärung mit einzubeziehen. Wie denken Sie darüber?
Fäh: Grundsätzlich ist eine bauchbetonte Fettverteilung besonders gefährlich für Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes und Arteriosklerose. Das Verhältnis Taille zu Hüfte soll bei Männern kleiner als 1,0 und bei Frauen kleiner als 0,85 sein. Im Endeffekt spielt aber weder der BMI noch der Taille-Hüft-Quotient die zentrale Rolle, sondern der Lebensstil. Wer sich regelmässig und viel bewegt sowie ausgewogen isst, braucht sich wenig Sorgen um seine Gesundheit zu machen – egal, wie schwer er oder sie ist.
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