Stählernes Treibgut am Bildungsufer

Der jüngste Erweiterungsbau der Hochschule Rapperswil passt sich nahtlos in den Campus ein. Der St. Galler Architekt Andy Senn baute mit dem «strengen» Material Stahl. Entstanden ist ein nüchterner, uneitler Zweckbau mit vielen versteckten Qualitäten.
16. Januar 2016, 02:50
CASPAR SCHÄRER

Wer aus Neugierde gerne Bautafeln liest, trifft oft auf die gleichen Begriffe: «Park» oder «Residenz», wenn es um Wohnen geht; bei Bürobauten wird gerne mal von einem «Campus» gesprochen. Immobilienvermarkter spielen mit dem «Campus» auf das Idealbild der amerikanischen Universitäten an, jene idyllisch ins Grüne eingebetteten Gebäudegruppen, eigene Welten innerhalb einer Stadt. In der Schweiz und in Europa ist das Konzept des Campus nicht sonderlich verbreitet. Erst in der Nachkriegszeit entstanden mit der Universität Zürich-Irchel, der ETH Hönggerberg und der EPF in Lausanne erste Hochschulstandorte auf der grünen Wiese.

Bezug zur Landschaft

Der Campus der Hochschule Rapperswil (HSR) ist eines dieser seltenen Exemplare in der Schweiz, wenn auch ein eher kleineres. Typisch ist der Bezug zur Landschaft, der bei dem schönen Grundstück am See «von Natur aus» gegeben ist. Im Unterschied zu den meisten anderen Beispielen befindet sich die 1973 eröffnete und vom Architekten Paul W. Tittel geplante HSR näher an der «Mutterstadt» – Schloss und Altstadt sind in Sicht- und Gehdistanz, auch wenn das Gleisfeld die Beziehung empfindlich stört. Gleichzeitig liegt aber in der Nähe zu einem Knotenpunkt des öffentlichen Verkehrs heute ein unschätzbarer Standortvorteil. Allein die Tatsache, dass in den letzten Jahren direkt an den Bahnhöfen von St. Gallen, Olten und Brugg AG massiv in Hochschul-Infrastruktur investiert wurde, bestätigt dies.

Die Gebäudegruppe auf dem HSR-Campus ist räumlich dicht angeordnet und in der ersten Bauetappe einheitlich gestaltet. Alle Bauten sind an der Fassade aus wetterfestem Stahl zu erkennen. «Wetterfest» heisst hier, dass sich auf der Oberfläche der Stahlelemente eine oberste Rostschicht bildet, die das Material gegen weitere Witterungseinflüsse schützt. Trotz der hohen Dichte ist der «fliessende» Aussenraum des Campus gut spürbar; die Uferlandschaft auf der einen und die Stadt auf der anderen Seite sind immer präsent. Umso anspruchsvoller ist die Erweiterung einer solchen Anlage. Zunächst wurde das Wachstum mit Aufstockungen bewältigt, Ende der 1990er-Jahre folgte ein erster grösserer Ausbauschritt mit zwei Neubauten in Richtung Gleisfeld. Der St. Galler Architekt Andy Senn strickt nun auf ganz selbstverständliche Art das Bebauungsmuster zum See hin weiter.

Senn gewann 2009 einen Wettbewerb zur Erweiterung auf der Curtiwiese, einer strategischen Baulandreserve der Hochschule am Ufer. Vorgesehen waren ursprünglich drei neue Baukörper. Gebaut wurde nun vorerst ein Teil des Forschungszentrums; weitere Ausbauschritte folgen vielleicht in Zukunft. Im Wettbewerb wurde Senns Sorgfalt gelobt, mit der er das fein austarierte Netzwerk aus Bauten und Aussenräumen mit einem doch beachtlich grossen Neubau ergänzt. Zwischen dem Forschungszentrum und dem Hauptgebäude aus den 1970er-Jahren spannt sich ein angenehm proportionierter, von drei Seiten gefasster und zum See hin offener Raum auf. Die Bezeichnung «Platz» wäre für diese Fläche zu hoch gegriffen, sie ist vielmehr mit einem Strassenraum zu vergleichen, von dem aus man in alle Richtungen ausschwärmen kann.

Ein besonderes Material

Wie das benachbarte Hauptgebäude ist auch der Neubau auf eine Plattform aus Beton gestellt. Drei Stufen beträgt die Höhendifferenz, beim Hauptgebäude ist es sogar eine Stufe mehr. Diese Plattformen lassen die einzelnen Bauten wie riesiges Treibgut erscheinen, das am Ufer gestrandet ist. Tatsächlich haben sie unmittelbar mit dem See zu tun: Um die Gebäude vor einem allfälligen Hochwasser zu schützen, sind sie vom Boden abgehoben; ausserdem erfordert der weiche Baugrund flächige Fundamentplatten. Überhaupt bestimmt die Lage am See mehr, als man auf den ersten Blick meinen würde. So ist die Bauweise mit dem leichten Stahl eine direkte Folge der schwierigen Bodenverhältnisse. Gerade Stahl ist ein besonderes Material, das in der Schweiz nicht oft eingesetzt wird. Die Schweiz ist ein Holz- und Betonland – den natürlichen Ressourcen entsprechend. Ein Stahlbau besteht aus vorproduzierten Einzelteilen, die auf der Baustelle zusammengesetzt werden. Damit alles passt, ist im Vorfeld viel Präzision erforderlich. Stahl ist ein strenges Material, er verlangt nach einer durchdachten Systematik, und vielleicht ist er deshalb aus der Mode geraten.

Andy Senn ist es hoch anzurechnen, dass er die Tradition des Ortes weiterführt und wieder Stahl für das Forschungszentrum verwendet – und zwar nicht nur in der Fassade, sondern für die ganze Struktur. Senns Stahl ist nicht mehr roh wie noch vor vierzig Jahren, sondern pulverbeschichtet; er wird also überhaupt nicht rosten. Wer genauer hinschaut, sieht schnell weitere Unterschiede zum Hauptgebäude. Während sein Vorgänger Paul W. Tittel immer die Gebäudeecken mit einer Stahlstütze besetzt und damit markiert, spielt Senn die Ecken frei. Dies lässt den Bau leichter wirken. Die beiden Obergeschosse scheinen über dem zurückversetzten, rundum in Glas eingekleideten Erdgeschoss zu schweben.

Cleveres System

Viele Qualitäten zeigen sich erst im Inneren: der überdeckte, über alle Geschosse reichende Innenhof, der die wahre Höhe des Gebäudes erst offenbart, sowie die innere Erschliessung, die ganz auf diesen Hof ausgerichtet ist. Nochmals andere Leistungen bilden sich im Raum gar nicht ab wie etwa die koordinierte Planung von Architektur, Statik und Haustechnik, die zu einem cleveren System führte, in dem alle Komponenten jederzeit zugänglich und austauschbar sind. Auch das ist Nachhaltigkeit: Dass der Bau bereits für die Zukunft gerüstet ist, nicht unbedingt mit der teuersten Technik, sondern allein mit der Möglichkeit, später andere Technik einbauen zu können. Für die Architektur ist das keineswegs selbstverständlich. So gebührt Andy Senns nüchternem und sachlichem Zweckbau Respekt für ein unaufgeregtes, uneitles Gebäude, das sich nahtlos in ein bestehendes System einfügt und doch eine zeitgemässe Eigenständigkeit entwickelt. Vor allem will es nicht mehr sein als es ist: ein Gebäude im Dienst der Bildung.


Leserkommentare

Anzeige: