Stadtplanerisches Unglück mit Seeblick

Die Wohnüberbauung Birnbäumen ist seit letztem Jahr fertiggestellt. Das Projekt hätte die Stadt exemplarisch verdichten können, ist aber gescheitert. Es ging hier offensichtlich nur um eine ökonomisch maximale Ausnutzung.
12. Oktober 2013, 02:54
Gerhard Mack

Als die St. Galler Burgergemeinde ihr Stück Land am östlichen Stadtrand zur Bebauung freigab, durfte man eine exemplarische Siedlung erwarten: Zwischen Trogenerbahn und dem Quartier «In den Birnbäumen» aus der Nachkriegszeit sollten 150 stadtnahe Miet- und Eigentumswohnungen erstellt werden, welche die Appenzeller Bahnen mit einer neuen Haltestelle erschliessen würden. Seit letztem Jahr sind die meisten Einheiten bezogen. So gerne man die Überbauung loben würde, so exemplarisch ist ihr Scheitern. Dabei geht es weniger um die einzelnen Bauten als um den städtebaulichen Charakter der ganzen Anlage.

See und Stadt im Blick

Eine zentrale Massgabe für das Projekt ist die Sicht auf den Bodensee und die Stadt. Unterhalb der Bahnlinie sind die Volumen exakt so gestaffelt, dass von fast jeder Wohnung aus beides in den Blick kommt. Dafür hat man vieles in Kauf genommen. Die Blöcke sind mit viel Beton regelrecht in den steilen Hang gestemmt. Wer dort lebt, fährt entweder mit dem Lift in die Wohnung, oder er muss bei den steilen Treppen einen Fitnesstest absolvieren. Vor allem aber wurde auf eine übergreifende Planung verzichtet. Statt eines Quartiers gibt es drei Ansammlungen von Häusern. Die Stadt wird von der neuen Überbauung nicht arrondiert.

Doch zunächst ein paar Fakten: Das Gelände aus dem Portfolio der Burgergemeinde ist in drei Baufelder unterteilt. Jedes hat eine eigene Bauherrschaft, für jedes wurde ein eigener Bautyp und Wettbewerb bestimmt. Die beiden Riegel für das westlichste Feld gab die Helvetia Versicherung St. Gallen in Auftrag, die fünfzehn Winkelhäuser in drei Reihen in der Mitte liess die Reseda Invest AG in Wil von Bollhalder & Eberle planen. In Zone drei trat der Architekt Felix Sigrist auch als Bauherr auf und entwarf eine Zeile aus fünf Mehrfamilienhäusern und zwei Reihen aus je fünf Doppel-Einfamilienhäusern. Dass Sigrist auch die beiden Riegel in Zone eins realisierte, ist das Ergebnis eines Zwists. Der ursprüngliche Wettbewerbssieger Christian Kerez ist nach Unstimmigkeiten mit der Bauherrschaft ausgeschieden. Es gibt keinen übergreifenden Gestaltungsplan, der die drei Baufelder verbindet. Abwechslung heisst hier die Losung, als wäre eine Stadt ein Vergnügungspark.

Extrem verdichtet

Alle drei Baubereiche sind extrem verdichtet. Die beiden Riegel sind so gesetzt, dass sie zur Stadt hin sogar als ein überlanges Volumen auftreten. Begründet wurde diese Bauweise mit der Freifläche, die gewonnen wird: Von den 46 000 Quadratmetern der Bauzone blieben 17 500 unbebaut. Das ist ein stattliches Drittel. Das Freispielen von offenem Raum ist ein gängiges Argument für Verdichtungen. Und wer könnte etwas gegen Grün in der Stadt einwenden! Doch kommt es auch hier darauf an, wie diese Fläche gestaltet ist, was man überhaupt mit ihr anfangen kann. Bei der neuen Siedlung ist das nicht eben viel. Wer in diesen Herbsttagen dort herumspaziert, sieht vor allem die Erschliessungsstrasse, eine Sackgasse, die witzigerweise Meienbergstrasse heisst, mächtige Zufahrten zu den Tiefgaragen und leere Grasflächen. Sie sind nach oben durch die Stützmauer zum Bahntrassee begrenzt und wirken zur bestehenden Siedlung «In den Birnbäumen» weiter unten wie ein Überbleibsel der ehemaligen Weide.

Regelrecht unangenehm wird die Leere zwischen den Baufeldern: Das Abstandsgrün sieht so unfreundlich aus wie einst die Grenzstreifen zwischen Nachbarn, die sich nicht leiden können. Das ist nicht schön für Anwohner, die mehr wollen als aus der Tiefgarage mit dem Lift in die Wohnung fahren und den See anschauen.

Städtebaulich misslungen

Das Ganze ist aber vor allem städtebaulich misslungen. Die Stadt franst an dieser Stelle aus, siedlungshistorisch hatte sie hier ihre Grenze. Die alte Birnbäumen-Siedlung endet da, wo der Hang steil wird. Als sie Ende der 40er-Jahre gebaut wurde, hatte man noch Respekt vor der Topographie, teure Hangabstützungen lagen nicht drin. Wenn man sich heute entschliesst, diese prekären Ränder zu nutzen, sollte das die Stadt optimieren.

Das hätte bei der neuen Siedlung vorausgesetzt, dass man freie Stellen da schliesst, wo sie als Zahnlücken empfunden werden. Das gelingt nur, wenn das Stadtgewebe aufgegriffen wird, wie es an der spezifischen Stelle vorhanden ist. Mehrere Instrumente hätten sich dafür angeboten: An einzelnen Stellen hätte sich der vorhandene Bestand durch sorgfältig hinzugefügte Neubauten durchaus verdichten lassen. In der freien Hangzone darüber wäre es möglich gewesen, aus der alten Zeilenstruktur heraus eine neue Siedlung zu entwickeln. Das hätten keine Häuserreihen sein müssen, aber die Fortsetzung der vertikalen Struktur und die Beachtung des Massstabs wären sinnvoll gewesen.

Beispiel Teppichsiedlung

St. Gallen bietet dafür sogar ein Beispiel: Die Teppichsiedlung, die Danzeisen + Voser Ende der 50er-Jahre in St. Georgen am Freudenberg realisiert haben. Auch an diesem Westhang hat die Aussicht eine grosse Rolle gespielt. Das gelungene Beispiel modernen Bauens hat aber im Unterschied zur neuen Überbauung Birnbäumen den Vorteil, dass hier zum einen Privatheit und fliessende Übergänge zwischen aussen und innen zusammengehen. Winkelförmige Häuser sind teilweise miteinander verbunden und schliessen einen Garten ein. Vor allem aber wurde nicht gegen den Hang geplant. Die Siedlung wächst an ihm empor, die Planer räumten ihn nicht weg, um später im Abraumverfahren wieder Volumen anzuschütten.

Betonklötze am Hang

Wer durch die alte Birnbäumen-Siedlung spaziert, sieht am Hang die Betonklötze dräuen, den leeren Raum zu ihnen empfindet man nicht als Respektsdistanz, er wirkt so unangenehm wie eine Landschaft, die plötzlich in einer Senke verschwindet. Die Atmosphäre eines gewachsenen Alltags zwischen den alten Häuserzeilen mutet gegenüber den Neubauten an wie ein Idyll aus vergangenen Tagen. In der neuen Überbauung herrschen dagegen strukturelle Vereinzelung und Anonymität vor, wie sie die Bebauung von Hanglagen landauf, landab bestimmen.

Sicherlich: Die Bewohner der neuen Birnbäumen werden sich arrangieren. Der Ausbaustandard stimmt, die Geldanlage ist solide. Der Stadt St. Gallen haben die Investoren jedoch keinen Gefallen getan. Es ging offensichtlich um eine ökonomisch maximale Ausnutzung. Hier wäre die Stadt gefragt gewesen. Sie hätte es in der Hand gehabt, mit entsprechenden Richtlinien ein Quartier mit Gesicht zu planen und erst dann Investoren zu suchen. Drei Baufelder auszuweisen, in denen diese machen können, was ihnen beliebt, reicht nicht aus. Aber dazu müssten sich die Verantwortlichen auch gegen mächtige Interessen behaupten wollen.


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