Räume jenseits der Zeit

Das Bündner Kulturfestival Origen zeigt, wie temporäre Bauten und deren Bespielung die Magie eines Landschaftsraumes heraufbeschwören. Flüchtige Architekturen ermöglichen bauliche Experimente in einem Umfeld, wo Veränderungen durch behördlichen Schutz kaum möglich sind.
20. September 2014, 02:52
MARINA HÄMMERLE

Seit rund zehn Jahren verfolgt das Festival Origen ein kompromissloses Konzept der Bespielung von Natur- und Dorfraum. Giovanni Netzer, studierter Theologe, Theaterwissenschafter und unermüdlicher Motor hinter dem Projekt, bringt mit seinem Team Musik, Tanz und Theater auf den Boden der grandiosen Alpenregion rund um sein Heimattal, der Surses im Herzen Graubündens. Mit der Gründung einer Stiftung und der Unterstützung vieler Kulturbegeisterter konnte Origen in Riom, dessen mittelalterliche Trutzburg schon seit Jahren programmatisch einbezogen wird, ein Bürgerhaus samt Scheune erwerben.

Die Sontga Crousch, Heiligkreuz, inmitten der intakten, dichtgebauten Dorfstruktur gelegen, ist heute gastlicher und strategischer Mittelpunkt im umtriebigen Programm der ambitionierten Truppe. Die Adaptierung der mächtigen Scheune nach Plänen von Gasser Derungs zum Shakespeare'sche schen Zentralraum ist derzeit noch im Gange, erste Aufführungen hinterliessen bei Tänzern und Publikum grossen Eindruck, denn das Spiel ist unmittelbar, der Raum authentisch und das durch die Holzlamellen gefilterte Licht betörend.

Die Wandlung vorhandener Räume und deren zweckentfremdete Verwendung, wie im Falle von Burg und Scheune in Riom, der Remise der Rhätischen Bahn in Landquart oder dem Stollen des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich, stellen Netzers Spürsinn für Raum und Inszenierung unter Beweis. Der Stollen wird zur unterirdischen Stromkathedrale, die Remise zum himmlischen Lichtermeer und die Burg zum Bad des Kaisers. Es sind Mythen, apokalyptische und ewig währende Geschichten, die der Rätoromane für die Menschen seiner Region und weit darüber hinaus inszeniert.

Auf Pass und Staudamm

Neben der Besetzung vorhandener Bauten zieht es ihn mit dem Spiel hinaus in den Landschaftsraum, in einen ungeschützten «Raum jenseits der Zeit». Mit Gerüststrukturen und textiler Bespannung zaubert er einem Spuk gleich einfache, offene, archaische Bautypen an die unwirtlichsten Orte, wie auf den Julierpass oder den Staudamm der Marmorera. Dort werfen sich andere Fragen auf als in der Stadt, laden sich essenzielle Themen wie Werden und Vergehen, Hass und Liebe mit dem unberechenbaren Element der Natur auf und stellen Wind und Wetter, Schauspieler und Publikum auf die Probe. Die Naturelemente werden zum zweiten Intendanten, sie bestimmen massgeblich die Intensität des Spiels und dessen Wirkung.

Der Geist des Ortes

Was in der Architektur der Begriff Genius Loci, wird bei Origen zum Programm. Der «Geist des Ortes» war für die Römer Schutzgeist kultischer, aber auch profaner Stätten, Architekten leiten daraus wichtige, entwurfsbestimmende Parameter ab. Der Genius Loci umschreibt dabei nicht nur Lage, Charakteristik und Zusammensetzung eines Ortes, sondern beinhaltet vielmehr auch dessen Aura und Atmosphäre. Netzer erbringt diese interpretative Leistung und generiert aus Wissen, Erinnerung, Wahrnehmung und Deutung eines Ortes die temporären Bauten für Origen.

Die Stücke entwickeln sich aus dem Ort, reiben sich an den landschaftlichen, klimatischen Gegebenheiten und spiegeln beispielsweise die typographischen, kulturellen Bruchlinien und Spannungsfelder dieser Alpenregion. Der Julierpass ist eine Situation der Transition, des Übergangs. Eine Nahtstelle von Kulturen, an der benachbarte Völker aufeinandertrafen. Der weisse Tempel für die Königin von Saba und König Salomo symbolisierte diese Auseinandersetzung – deren imaginäre Begegnung im ersten Schneesommer 2010 brannte sich unvergesslich ein bei Akteuren und Zuschauerinnen. Für diejenigen, welche dem Stück beiwohnten, wird der Julier für immer dieses Bild mittransportieren, einer Fata Morgana gleich.

Konzept der Migration

Die kulturelle Kraft bei Origen liegt demnach nicht nur in der Interpretation von Geschichten und Riten, sondern auch in der Aktivierung von Räumen und Landschaften. Sozusagen eine Erweiterung der Behauptung von Jean Racine «Toute l'invention consiste à faire quelque chose de rien». Alle Kunst heisst, aus nichts etwas zu machen. Denn bei Origen wird nicht aus nichts etwas erschaffen, sondern das sichtbar gemacht, was unterschwellig bereits vorhanden ist. Und je nach Konzept von Stück und Raum bedeutet dies, gestalterisch die Atmosphäre des Ortes zu verstärken oder zu konterkarieren. Das Ergebnis ist ein sinnliches Verschmelzen von Inhalt und Ort, von Ausdruck und Raum. Und das berührt uns im Innersten.

So schafft Origen mit seinem Konzept der Migration, des Auswanderns an einen fremden Ort, dem Aussiedeln aus dem geschützten, klimatisierten, hochtechnisierten Veranstaltungsraum neue Raumbezüge. In der Unmittelbarkeit kalter Kavernen, zugiger Seenlandschaften oder verdichteter Dorfplätze werden Gästen und Einheimischen in oft körperlicher Intensität Alltägliches und Feierliches vor Augen geführt. Die Bauten kommen einer Transzendenzmaschine gleich, in der Zeitebenen und Inhalt durcheinandergeraten.

Manchmal wagt sich das Festival auch über die Berge. Zuletzt in die Halle des Zürcher Hauptbahnhofes. Dort fing ein textiler White Cube Mozarts Requiem ein, durchwoben mit Oliver Webers intoniertem, gesellschaftlichem Istzustand. Beide Kompositionen waren dem Grundrauschen des gnadenlos hektischen Bahnhoftreibens ausgesetzt. Und plötzlich spielt Mozart in der Gegenwart und mittendrin das Leben.


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