Haus für Gastfreundschaft und Vielfalt

ARCHITEKTUR ⋅ Kirchen bleiben heute oft leer, aber neue Kirchgemeindehäuser reagieren mit vielfältigen Räumen und Anlässen auf veränderte Bedürfnisse. Sie bereichern das öffentliche Leben. Ein Augenschein in Grabs.
17. Dezember 2016, 05:37
Ruedi Weidmann

Ruedi Weidmann

ostschweiz@tagblatt.ch

«Für mich ist es ein kleines Wunder», sagt John Bachmann, seit zwölf Jahren Pfarrer in Grabs, über das neue Kirchgemeindehaus. Seit einem Jahr belebt es das Dorf und hat seine Arbeit verändert. In Grabs und auf den verstreuten Höfen am Grabserberg leben ländlich und pietistisch geprägte Menschen, die tief in der reformierten Landeskirche verwurzelt sind. Weil Glarus 1517 die Grafschaft Werdenberg kaufte und 1529 den reformierten Glauben verordnete, ist Grabs eine protestantische Enklave im St. Galler Rheintal. Damals verkündete der Pfarrer in der Kirche Gottes Wort, die Erlasse der Regierung und wer unter der Woche Sitten und Gesetz verletzt und so sein Anrecht auf das wöchentliche Armenbrot verscherzt hatte. Der zwinglianische Gottesdienst war auch ein Sittengericht. Auch wenn Pfarrerinnen und Pfarrer heute weniger von der Kanzel herab predigen – Kirchen sind für frontale Kommunikation gebaut. Und alles Autoritäre verscheucht heute die Leute. Auch in Grabs ändern sich die Bedürfnisse. Es wird viel gebaut, Neuzuzüger machen die Gesellschaft bunter.

Neuer Platz als Treffpunkt

Die evangelische Kirchgemeinde Grabs-Gams beobachtet die Entwicklung schon länger. Sie erarbeitete die Vision einer lebendigen Kirche, die «Treffpunkt all der Segmente der heutigen Gesellschaft» sein soll, wie es in einem Memorandum heisst. Das alte Kirchgemeindehaus, viel zu klein und kaum zu heizen, genügte dafür nicht mehr. Die Büros der Pfarrer und Diakone waren im Ort verstreut, Aktivitäten fanden in gemieteten Räumen statt. An einer Retraite 2009 nahm ein Neubau Gestalt an. Man liess auch die Kosten einer Kirchenrenovation schätzen, entschied dann aber, ein neues Kirchgemeindehaus sei wichtiger. Die Baukommission besuchte Beispiele in der Region, sammelte Raumwünsche der aktiven Mitglieder und führte mit fachmännischer Hilfe einen Architekturwettbewerb durch. Aus dreizehn Vorschlägen kürte die Jury das Projekt des Büros Erhart Partner aus Vaduz. Die Mitglieder hiessen das Projekt gut. Bald begann der Bau, im Januar 2016 war das «Wunder» vollbracht.

Der hell verputzte, zweistöckige Quader stösst mit seiner Schmalseite an die Hauptstrasse. Zwischen ihm und der Kirche, die zurückgesetzt und etwas schief zur Strasse steht, ist ein dreieckiger Platz entstanden, der erste Dorfplatz in Grabs. Wo sich früher Autos durch Hochzeitsgesellschaften und Trauergemeinden drängten, stehen jetzt Bänke im Schatten einer Birke, die Terrasse vor dem Kirchgemeindehaus lädt zum Kaffeetrinken ein. Passanten plaudern, ein Kind spielt mit Steinchen, Schulkinder grüssen – fehlt nur noch der Brunnen, doch die Leitung ist schon verlegt.

Grosser Saal und Foyer sind begehrt

Vielfältig sind auch die Räume im Innern. Das Erdgeschoss öffnet sich mit grossen Glasscheiben zum Platz. Zwei breite Stufen führen zum Eingang und in ein geräumiges Foyer. Die linke, sonnige Seite ist als Bistro eingerichtet, durch eine Glasscheibe vom Weltladen getrennt. Die andere Seite dient als Garderobe, hinter einer Tür liegt das Sekretariat. Geradeaus tritt man in den hohen Saal. Ausgestattet mit Bühne und allem, was es für Theater-, Film- und Diskussionsabende braucht, bietet er bei Konzertbestuhlung 270 Personen Platz. Die Küche kann dank Durchreichen Saal und Foyer direkt bedienen. Ein helles Treppenhaus führt ins Obergeschoss. Der Mehrzweckraum an der Südseite eignet sich für Vorträge, Kurse oder Feiern mit bis zu 120 Teilnehmenden. Er ist unterteilbar und verfügt über eine eigene Teeküche. Zwei Sitzungszimmer und die kleinen Büros der Pfarrer und Diakone sind auf den Kirchplatz gerichtet. Der Jugendkeller des Vorgängerbaus ist erhalten geblieben. Ein Band-Übungsraum und Lagerräume für den Cevi und den Messmer ergänzen ihn. Alle Räume sind freundlich und überaus brauchbar. Die Kirchgemeinde stellt sie auch anderen zur Verfügung – gratis der politischen und der Schulgemeinde, der katholischen Kirchgemeinde und kirchennahen Vereinen, günstig den Dorfvereinen und Mitgliedern beider Kirchgemeinden, etwas teurer Nichtkirchbürgern, auswärtigen Vereinen und Firmen. Vor allem der grosse Saal und das Foyer sind begehrt. Dank ihnen ist die Kirche Grabs für Trauungen attraktiver geworden. Der «Chillekaffi» nach dem Sonntagsgottesdienst ist beliebt. Auch die Kundschaft des Weltladens und freiwillige Helferinnen und Helfer setzen sich gern zu einem Kaffee ins Foyer.

Das Angebot an Kursen, Vorträgen, Ausstellungen und Konzerten konnte erweitert werden. Nicht alle Anlässe haben einen Bezug zur Religion. Sie ziehen auch neues Publikum an. Die Vision habe sich mehr als erfüllt, sagt Kirchgemeindepräsident Karl-Heinz Haedener. Man sei fast ein wenig überrumpelt von den vielen Anfragen; der Mesmer sei bald am Anschlag. Die gleiche Entwicklung erleben auch andere neue Kirchgemeindehäuser, etwa in Wil oder Herisau.

Pfarrer Bachmann betont den Effekt gegen innen: Seit alle unter einem Dach sind, sei die Arbeit der Pfarrer, Diakone und der hier traditionell zahlreichen Freiwilligen einfacher geworden. «Man trifft sich täglich, kann sich austauschen und stärker als Einheit auftreten.» Und mit dem neuen Haus könnten sie nun etwas Wichtiges anbieten: Gastfreundschaft. Längst sind noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Bachmann testet im Saal gerade einen neuen Abendgottesdienst in Form einer Kaffeestube. Doch der wichtigste Raum ist für ihn das Foyer, weil hier Gastfreundschaft spontan und jederzeit möglich ist.

Gemeinschaft braucht Orte

In unserer Zeit wachsender Verunsicherung suchen viele Orientierung. Dafür war einst die Kirche zuständig. «Orientierung» kommt vom Kirchenbau und bezeichnete die Ausrichtung des Chors nach Osten, dem Orient. Dadurch schien die aufgehende Sonne als Symbol für die Auferstehung Christi durch die Chorfenster auf die Betenden. Auch das Aufgehobensein in einer Gemeinschaft fehlt heute vielen. Es ist der Preis für mehr individuelle Freiheit und das Abschütteln rigider Konventionen.

Gesucht sind neue, zwanglose Formen von Gemeinschaft. Auch der Wunsch nach gemeinnützigem Engagement wächst. Andererseits wachsen Bevölkerungsteile, die auf Solidarität angewiesen sind: Alte, Zugewanderte, Entwurzelte. All dies lässt sich sinnvoll miteinander verbinden, ob mit oder ohne Religion. Aber dazu braucht es Orte – und jemand, der sie pflegt –, wo Begegnungen und Austausch möglich sind und Zusammenhalt wachsen kann.


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