Landquarts langer Weg zur Kleinstadt

Der Fabrik- und Eisenbahnerort Landquart mausert sich zum Regionalzentrum. Gute Architektur und ein wachsendes Einkaufs- und Gastroangebot ziehen Bewohner an. Der öffentliche Raum belebt sich. Dahinter steht eine beharrliche Ortsplanung.

17. September 2016, 09:26
Ruedi Weidmann

Bis 1858 gab es Landquart gar nicht. Dann bauten die Vereinigten Schweizer Bahnen die Bahnlinie Rheineck–Chur. Bei der Brücke über die Landquart stellten sie eine Station in die Wiese – die Loks mussten Wasser tanken. Jemand zog eine Linie durchs Gras zur Deutschen Strasse hinauf: die Bahnhofstrasse. Der erste, der sie für eine gute Adresse hielt, war ein Wirt. Der Optimist baute an der Bahnhofstrasse 1 ein Hotel und nannte es «Landquart». Für seine Gäste, die von hier aus eine Kutsche nach Davos nahmen, liess er einen grossen Park mit prächtigen Bäumen anlegen. Seither gab es immer wieder Anläufe, Landquart zu einer Kleinstadt zu machen. Heute steht es knapp vor dem Ziel.

Der Bahnhof als Motor

Mit dem Bahnanschluss entstanden am Mühlbach Fabriken, darunter die bekannte Papierfabrik. 1889 eröffnete die Landquart–Davos-Bahn. Sie wurde zur Rhätischen Bahn, ihre Werkstatt zur Hauptwerkstätte der RhB. An der Bahnhofstrasse entstanden Wirtschaften, Lebensmittelläden und enge Arbeiterwohnungen. Landquart war nun Verkehrsknoten und Eisenbahnerort. Es wuchs, aber ein schmuckes Städtchen wurde es nicht. Thomas Mann nannte es im Roman «Zauberberg» «eine windige und wenig reizvolle Gegend».

Bis zum Ersten Weltkrieg entstanden weitere Gasthöfe, die Landwirtschaftliche und die Gewerbeschule, eine Kirche, das Primarschulhaus. Auf Land der SBB und der RhB wohnten Bähnlerfamilien in kleinen Häusern mit grossen Gärten. Heimatstil war die Architektur der Stunde. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Wohnblöcke und vier Wohnhochhäuser hinzu. 1964 kam die Autobahn. Sie brachte keinen Boom, im Gegenteil: Man fuhr jetzt an Landquart vorbei direkt nach Davos. Das Industriegebiet wuchs, aber die Automatisierung frass die Arbeitsplätze weg. An der Bahnhofstrasse wurden die Hotels zu Beizen und die Fassaden grau, Läden standen leer, das Kino ging zu. Was blieb, war der Verkehrsknoten. Migros und Coop erkannten als erste Landquarts Potenzial als regionales Dienstleistungszentrum. Um 1990 entstand so an beiden Enden der Bahnhofstrasse ein Supermarkt. Sie waren so gross, dass es Sonderbauvorschriften brauchte. Das zwang die Gemeinde, sich mit Ortsplanung zu beschäftigen. Das war der Anfang des Aufschwungs.

Doch Ortsplanung braucht Ausdauer. Visionen stossen zuerst stets auf Skepsis, und bis Entwicklungen sichtbar werden, müssen sie jahrelang vorbereitet werden. Wie ist da Planen überhaupt möglich? Bei allen erfolgreichen Beispielen steht ein tatkräftiges Team dahinter, in dem Politik, Verwaltung und Fachleute über Jahre am gleichen Strick ziehen. In Landquart waren es der Gemeindepräsident, der Leiter des Bauamts und der beauftragte Ortsplaner. Seit den Neunzigerjahren sammelte das Trio Bedürfnisse, definierte Ziele, entwarf Pläne, beriet Bauherrschaften und vernetzte sich mit allen, die helfen konnten. In unzähligen Gesprächen überzeugte es Grundbesitzer, Investoren und Bewohner, dass alle profitieren, wenn jeder seinen Beitrag zu mehr Qualität leistet. Kommunikation ist das A und O jeder Ortsplanung.

Bis 2000 war die Zonenordnung überarbeitet. Sie erlaubte dichteres Bauen in der Kernzone. Gleichzeitig sorgte der neue generelle Gestaltungsplan dafür, dass Neubauten den Strassenraum einheitlich fassten. Und mit Bearth & Deplazes, den Architekten des spektakulären ÖKK-Hauptsitzes an der Bahnhofstrasse, entwickelte die Gemeinde ein wirkungsvolles Instrument, mit dem sie bei der Qualität von privaten Bauvorhaben mitreden kann: die Urbane Zone. Hier darf ein Investor noch einmal dichter und höher bauen, sofern er die Wünsche der Gemeinde nach gemischter Nutzung, sorgfältiger Einpassung und guter Gestaltung umsetzt. Das Resultat wird sichtbar: In Landquarts Bahnhofstrasse lässt sich heute flanieren, denn die neuen Bauten bieten allen etwas.

Vom Kiesweg zum Boulevard

Das Hotel Landquart ist verschwunden, aber einkehren kann man zum Beispiel im Boulevardcafé im gleissend weissen ÖKK-Hauptsitz oder im gestylten Café Central. Daneben Läden, Bankfilialen, die schöne Volksbibliothek. Die Neubauten sind abwechslungsreich, aus Glas, Backstein oder Beton, aber stets mit gemischter Nutzung: Über den Läden liegt eine Büroetage, darüber drei bis fünf Wohngeschosse. Dies führt dazu, dass jederzeit Menschen zu Fuss unterwegs sind. Die hohen Zeilen bilden einen geschlossenen Strassenraum. Doch öffnen sich Durchgänge in offene Höfe und zu den Wohnbauten in der zweiten Reihe. Zwischen den Neubauten zeugen das Hotel Schweizerhof in schönem Heimatstil und kleine Wohnhäuser mit farbigen Gärten von Landquarts Tourismus- und Industrie-Ära.

Letztes Jahr ist der Gemeindepräsident im Amt verstorben, und der Leiter des Bauamts wurde pensioniert. Für den Ortsplaner bedeutet das, die nächste Generation Politiker und Gemeindeangestellte in die Zusammenhänge und die Planungsinstrumente einzuführen. Weil es so lange dauert, bis Ortsplanung wirkt, sollte sie kontinuierlich fortgeführt werden. Lässt man nach, sinkt die Qualität der Entwicklung Jahre später und lässt sich dann nur sehr langsam wieder korrigieren.

Der Erfolg bringt auch neue Aufgaben. Je mehr sich Landquart erneuert, umso wichtiger werden seine Wurzeln. Ein Inventar der historischen Bauten fehlt noch. Die Primarschule Rüti, das Hotel Schweizerhof, ein Wohn- und Geschäftshaus am Kreuzplatz und weitere öffentliche und private Häuser bilden ein eindrückliches Heimatstil-Ensemble. Sorgfältig revitalisiert, könnten sie zum Merkmal Landquarts werden und dafür sorgen, dass im raschen Wandel das Heimatgefühl nicht verloren geht.

Drei kleine Plätze und ein grosser Platz

Landquarts Lebensader, die Bahnhofstrasse, soll noch belebter werden. Die Gemeinde will den Strassenraum neu gestalten, mit mehr Bäumen und drei Plätzchen. Richtig gross ist der Bahnhofplatz, wo alles anfing. Die eine Hälfte ist seit kurzem eine Begegnungsfläche mit Bäumen, Brunnen und Bänken. Über Mittag sitzen Angestellte, Schüler und ältere Leute auf den Bänken, vor dem Bahnhofbuffet und dem Restaurant Binari.

Seit letztem Jahr steht auf der Südseite das regionale Verwaltungszentrum des Kantons, von Jüngling und Hagmann gekonnt proportioniert. Es ist überraschend hoch, doch der grosse Platz erträgt das gut. Die Fassade wird flankiert von zwei mächtigen Blutbuchen. Gepflanzt hat sie vor 160 Jahren der optimistische Hotelier, der fest daran glaubte, dass Landquart eine Stadt werden würde.


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