Kultiviert, klug und leise

Der Trutg dil Flem verbindet das Dorf Flims mit dem Segnespass. Mit Können und Gespür hat Jürg Conzett in die Natur eingegriffen und im Verlauf des Wanderwegs sieben Brücken gesetzt. Ingenieurskunst und Landschaft ergänzen sich in faszinierender Manier.
20. Juli 2013, 02:16
MARINA HÄMMERLE

Was hat Peter Maffay mit Baukultur zu schaffen? Er besingt etwas, das oberhalb von Flims Wirklichkeit wurde: sieben Brücken zu begehen. Denn sieben neue Brücken verbinden den Weg von der Talstation der Bergbahnen bis hinauf zum oberen Segnesboden. Dass der Wanderweg nach über fünf Jahren Planung erfolgreich umgesetzt werden konnte, ist ein paar Schlüsselpersonen zu verdanken.

Wäre nicht Guido Casty in seiner Funktion als Gemeinderat für den Tourismus zuständig gewesen, fehlte der Impulsgeber. Als Wirt in dritter Generation weiss er nur zu gut um die Bedeutung exklusiver touristischer Anziehungskräfte. Was also könnte das Profil einer Gemeinde schärfen, die ihr Sommergeschäft wieder in Gang bringen möchte? Wie lösen sich die Konflikte zwischen waghalsigen Mountainbikern und Musse suchenden Bergwanderern? Und wie lässt sich der in Flims nach wie vor gepflegte diskrete Charme in einem neuen touristischen Konzept erkennen?

Die Landschaft als Kapital

Die Zauberformel lag darin, die bestehenden Gebirgsrouten zu entflechten und den vielfältigen, teils spektakulären Landschaftsraum entlang der Flem zu erschliessen. Was vormals Jägern und Ortskundigen vorbehalten war, sollte nun auch wandernde Gäste und interessierte Ansässige erbauen. Wertschätzung für die Natur prägt diese Vision von Guido Casty und einigen Mitstreitern, die er alsbald im Gemeinderat und in Flimser Bürgerinnen und Bürgern gefunden hatte, und die Erkenntnis, dass im Landschaftsraum das wahre Kapital von Flims liegt und zukunftsträchtiger Tourismus dies zum Inhalt hat. Postuliert der Architekt Luigi Snozzi seine Liebe zur Stadt mit dem Aphorismus «Jeder bauliche Eingriff bedingt eine Zerstörung: Zerstöre mit Verstand!», so gilt dies doppelt und dreifach für das Bauen in der Landschaft, das Bauen in den Alpen.

Beim Bau des Wasserwegs und seinen sieben Brücken über den Flem walteten Achtsamkeit und Angemessenheit. Womit der zweite Protagonist ins Blickfeld rückt: der Ingenieur Jürg Conzett. Anfänglich wollte der gestaltungssinnige Gemeinderat Casty den in Flims ansässigen Valerio Olgiati für die Brücken gewinnen; dieser verwies ihn jedoch auf Jürg Conzett, welcher bei der Architekturbiennale 2011 in Venedig als Aushängeschild schweizerischer Ingenieurskunst sein umfangreiches Œuvre auf diesem Gebiet ausbreiten konnte. Überzeugungsarbeit für die Bauaufgabe musste beim Planer keine geleistet werden, galt es doch, gemeinsam einen Schatz zu heben.

Bleiben wir bei Snozzi, so kommt noch die Lesart des Ortes ins Spiel. Diese Fähigkeit haben Conzett und sein in Chur ansässiges Büro schon mehrfach unter Beweis gestellt, wie beim Traversina-Steg oder der Punt da Suransuns. «Die Hauptsache ist der Weg, die Brücken sind nur das Tüpfelchen auf dem i», sagt Jürg Conzett bescheiden. Schliesslich sind rund 75 Prozent des Weges neu gelegt und bedurften unzähliger gemeinsamer, aufwendiger Erkundungen und Begehungen.

Inszenierter Weg

Der spektakuläre Naturraum entlang der Flem ist einem gewaltigen Felssturz vor 12 000 Jahren geschuldet. So wie der Rhein bahnte sich der Flem seinen Weg durch die Geröllhalden und schwemmte mit der unbändigen Kraft des Schmelzwassers Räume von berückender Schönheit aus dem Fels.

Tastend entlang der Kante, durch tiefe Einschnitte und während der Schneeschmelze von Gischt und Getöse gezeichnete Schluchten führt der Weg auch über sanfte, blumengespickte Wiesen, phonetisch zwischen Fortissimo und Piano oszillierend. Das Alltägliche wird weit hinter sich gelassen, entführt der Weg denn in märchenhafte Abschnitte, besonders wenn man ihn von der Talstation her geht. Die Inszenierung des Weges birgt dramaturgische Qualität, der unruhige zeitgenössische Geist kann sich etliche Höhenmeter und sechzig Minuten lang einstimmen auf die erste Brücke von Jürg Conzett.

Eine einfache Holzkonstruktion ruht auf zwei wohlfeil proportionierten, mit ein paar Stufen versehenen Betonblöcken. Die Wangen aus Föhre, der Steg aus Lärche, die Verbindungen logisch gestaltet, bar jeder Koketterie.

Hebt man den Blick in die Klamm, bleibt er hängen an der gischtumschäumten nächsten Brücke. Dazwischen ein paar in der Schlucht verkeilte Baumstämme, durch das Eigengewicht durchhängend und zerzaust beastet. Vice versa dazu überspannt der zweite Steg in leicht überhöhtem Bogen die achtzehn Meter, welche es hier zu überbrücken gilt. Obenliegende Zugbänder aus Stahl pressen den im Bogen geschlichteten und vermörtelten Valser Gneis zur Form, das filigrane Stahlgeländer tauscht sich aus mit den kahlen, feinen Ästen der umgestürzten Bäume. Rechts und links einer herzförmigen Felsformation ergiesst sich mit unbändiger Kraft der Flem, um lärmend und tosend unter dem staunenden Wanderer sich hinab zu werfen. Die Synthese aus Architektur, Natur und Technik schwingt im Dreiklang und lässt den Betrachter staunen ob der Schöpfung und des Menschen Fähigkeiten.

An Eleganz kaum zu übertreffen

Es folgen noch drei Holzbrücken ähnlicher Denkart, abgestimmt auf den Ort und den statischen Anforderungen entsprechend verfeinert: Bekommt der Holzkorpus zum einen teleskopartige Streben zur Aussteifung, knickt er zum anderen seine Ausrichtung mitten im Flussbett, um auf den vorhandenen Pfeiler einer eingestürzten Brücke zu reagieren. So schlägt auch der Weg noch ein paar Kapriolen, wechselt die Seiten und die Naturräume und lässt die vielen Höhenmeter stetig und kurzweilig dahinschmelzen. Noch einmal ein Crescendo der Wahrnehmung, wenn der Baukünstler den Gang über eine Reihe von höhlenartigen Auswaschungen mit einer Brücke ermöglicht, die an Feinheit und Eleganz kaum zu übertreffen ist. Das Hinunter und Hinauf im Stegverlauf wird durch die gekröpften Flachstahlprofile und die schmale Planke in Beton zum zeichenhaften Symbol für einen bewussten Übergang. Abschliessend führt der Weg etwas unsicher über einen künstlichen Betonstein elliptischen Zuschnitts, wenig beschürzt durch den einläufigen Holm, und bringt noch eine unerwartete Facette ins Spiel. Auf die Frage nach seiner Lieblingsbrücke lächelt Jürg Conzett milde, begleitet von einer fast unmerklichen, verneinenden Kopfbewegung. Eine Lieblingsbrücke habe er keine, denn das Ganze sei schliesslich ein System.


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