Innen, aussen und dazwischen

Einfriedungen umfassen das Innere, grenzen das Äussere ab und schaffen Zwischenräume. Auf die Einzäunungen legt die zeitgenössische Architektur Wert, kaum aber auf das Dazwischen. Dabei besässe die Ostschweiz ein bemerkenswertes historisches Vorbild.
21. November 2015, 11:53
RAHEL HARTMANN SCHWEIZER

«Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum, hindurchzuschaun. Ein Architekt, der dieses sah, stand eines Abends plötzlich da – und nahm den Zwischenraum heraus und baute draus ein grosses Haus. Der Zaun indessen stand ganz dumm, mit Latten ohne was herum. Ein Anblick grässlich und gemein. Drum zog ihn der Senat auch ein. Der Architekt jedoch entfloh nach Afri- od- Ameriko.»

Christian Morgensterns berühmtes Gedicht aus den Galgenliedern, erstmals im März 1905 erschienen, hat verschiedene Deutungen erfahren: Es wurde einerseits direkt auf das Bauen bezogen und verstanden als Kritik an der sich im frühen 20. Jahrhundert etablierenden Glasarchitektur. Andererseits wurden die «Latten» mit «Lettern» gleichgesetzt – es wurde vermutet, dass der Dichter auf die Bedeutung der Zwischenräume zwischen den Buchstaben verwies, ohne die die Aneinanderreihung sprachlicher Zeichen unverständlich wäre.

Lattenzäune sind charakteristisch für die Einhegung von Gärten, wie sie Meinrad Gschwend beschreibt, einer der Autoren des 2014 erschienenen Buchs «Bauerngärten zwischen Säntis und Bodensee», des dritten Bands der Reihe «Gartenwege der Schweiz».

St. Galler Klosterplan als Vorbild

«Einen Markstein in der Geschichte der Gartenkunst (auch der bäuerlichen) bildet der Sankt Galler Klosterplan von 816», schrieb der Gartenhistoriker Hans-Rudolf Heyer im «Mitteilungsblatt für die Mitglieder der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte» 1976. Dabei dürften die Gärten nach der karolingischen Verordnung für die Bewirtschaftung der kaiserlichen Landgüter und Herrenhöfe aus dem Jahr 812, das Capitulare de villis vel curtis imperii, angelegt gewesen sein. Dieses umfasst eine Liste von 73 Blumen, Kräutern, Gemüse- und Obstpflanzen sowie 16 Bäumen. Die Grundstruktur aus Gemüsen, Gewürzpflanzen, Blumen und Obst überliefert sich im Bauerngarten – teilweise bis heute.

Ursprünglich wird der Garten nicht nur von einer Einfriedung gefasst. Diese ist auch gleichsam seine Raison d'être. «Garten» leitet sich etymologisch nämlich von den Gerten (Weiden- oder Haselnussruten) ab, mit denen ein Gelände umzäunt wurde.

Appenzellische Gartenkultur

Im Appenzellischen bildete sich zwischen 1817 und 1850 – nicht zuletzt aufgrund der Textilfabrikation – eine eigene Gartenkultur heraus, die sich teilweise bis heute bewahrt hat. Ihr Merkmal sind – neben dem sogenannten «Strussgstell» (eine Art Schaukasten vor dem Stubenfenster mit Blumen und Kräutern) – der «Trüeter» (Spalier an der Frontseite) und der Wetterbaum, der zum Schutz des Hauses vor Unwettern dient. Das ist ein frei stehendes Geviert, in dem Gemüse und Nutzpflanzen gezogen wurden. Eine kolorierte, um 1840 entstandene und mit «An der Wolf-Halden» betitelte Aquatintaradierung von Bernhard Freuler vermittelt eine Vorstellung einer solchen Einhegung. Diese wurde immer in Distanz zum Haus plaziert, um zu verhindern, dass die Pflanzen die Kellerräume verschatteten, in denen gewebt wurde.

Terrassierung in Rebbergen

Im Hintergrund der Radierung öffnet sich der Bodensee, zu dem der Blick über den im Zentrum abgebildeten Buechberg schweift. Auch er zeichnete sich einst durch eine besondere Art der Einfriedung aus, und zwar durch die Terrassierung für den ebenfalls vom Kloster St. Gallen geförderten Rebbau. Dass man diese Trockenmauern heute wieder bestaunen kann, ist einem Zusammenschluss von Leuten zu verdanken. Sie ergriffen im Jahr 2003 die Initiative, sie instand zu stellen, um gleichermassen eine nachhaltige Rebberg-Bewirtschaftung zu verfolgen, wie Lebensraum für die bedrohte Flora und Fauna zu schaffen. Beteiligt an Sanierung und Wiederaufbau der 110 erfassten Mauern aus roh gespaltenen Steinen aus Rorschacher Sandstein sind unter anderem Vertreter der Gemeinde Thal, der Grundeigentümer, der Weinbauern und des lokalen Naturschutzvereins.

Die zeitgenössische Interpretation findet sich in den Stützmauern aus Drahtschotterkörben im Friedhof Wilen, den Paul Rutishauser Landschaftsarchitektur 2003 zu einer modernen Adaption des klösterlichen Baumhains umgestaltete.

KVA Winterthur hinter Gitter

Den Draht mythologisch-religiös aufgeladen hat das Team um die Künstlerin Katja Schenker, Schweingruber Zulauf Landschaftsarchitekten und pool Architekten bei ihrer Umzäunung der KVA Winterthur. Deren 2014 realisierte, 210 Meter lange und 3,5 Meter hohe Einfassung besteht aus verformten Bewehrungsstahlgittern. «Kerberos» war der Titel des 2011 gekürten Wettbewerbsprojekts – in Anspielung an den Höllenhund, der in der griechischen Mythologie den Eingang zur Unterwelt bewacht, und die christliche Deutung der Hölle als Feuerschlund.

Qualität des Zwischenraums

Und der Zwischenraum, dessen Bedeutung Morgenstern so trefflich illustrierte? – Viel Aufmerksamkeit wird den Umfassungen geschenkt. Aber was ist mit dem Raum, der die Beziehung zwischen diesen zu Körpern angeordneten Einfriedungen – seien es Häuser oder Gärten – definiert? Auf der erwähnten Aquatintaradierung bilden das Haus rechts und der Garten mit Wetterbaum links den Rahmen für das Panorama. In der zeitgenössischen Architektur definiert sich der Zwischenraum zu oft nur als Grenzabstand.

Es würde sich lohnen, wieder einmal einen Blick auf den St. Galler Klosterplan zu werfen, der nicht nur von der Kunst der Gestaltung der Einfriedungen zeugt, sondern auch von der Sensibilität für die räumliche Qualität des Dazwischen. Die im Frühling 2014 edierte und mit einem Begleitheft versehene neue Faksimileausgabe des Plans illustriert das in Wort und Bild augenfällig.


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