Industriearchitektur als Kultur

Banalität und Geltungssucht prägen die Bauten in unseren Industrie- und Gewerbezonen, oft genug miteinander kombiniert. Dass es auch anders ginge, zeigen die Metrohm AG in Herisau und die Sky-Frame AG in Frauenfeld.
24. Oktober 2015, 02:46
MARTIN TSCHANZ

Ein Blick in unsere Zonen für Industrie und Gewerbe ist selten etwas Erfreuliches. Wie Krebsgeschwüre breiten sich diese den Verkehrswegen entlang aus. Dabei weiss man nie so recht, ob die Banalität der mit Trapezblech umhüllten Hallen und der öden Abstell- und Verkehrsflächen das grössere Übel sei oder die Exaltiertheit jener, die um jeden Preis um die Aufmerksamkeit der Passanten buhlen.

Im Industriebau scheint oft nur das Billigste billig genug und noch die schnellste Bauweise zu langsam zu sein. Wenn sich Kosten- und Zeitdruck mit Gleichgültigkeit paaren, ist Banalität die Folge. Immerhin drängt sich diese in den meisten Fällen nicht auf. Anders die weit verbreiteten baulichen Extravaganzen. Grellbunte Farben und lustige Dekorationen sind diesbezüglich noch harmlos, verglichen mit den extremen Formen jener überkandidelten (Pseudo-)Star-Architektur, zu der sich geltungssüchtige Architekten und ebensolche Bauherren nur allzu leicht verleiten lassen, wo baugesetzliche Regeln schwach sind und ein verbindlicher Kontext fehlt. Gesucht wird Erkennbarkeit und Identität, in der Summe entsteht aber bloss ein farbiges Rauschen.

Historische Industrieareale sind oft ungleich qualitätvoller. Das liegt nicht nur daran, dass die Zeit viel Schlechtes hat verschwinden lassen und grosse Firmen wie Sulzer oder Saurer ganze Areale entwickeln konnten, auf denen sie die Bebauung koordinierten. Es liegt auch an einer anderen Kultur des Industriebaus. Früher setzten Kamine, Silos und Ähnliches Akzente, in Ergänzung zu einfachen, rational konstruierten Backstein-Hallen. Man kultivierte die Sachlichkeit, und dabei dienten die funktionalen Abläufe und die Bauweise der Architektur als Ausdrucksmittel.

Dies ist heute schwierig geworden. Für die schlanken und vor allem flexiblen Produktionsabläufe sind möglichst neutrale Hallen gefragt, deren Baustruktur im Allgemeinen hinter einer dämmenden Verpackung verschwindet. Das bietet wenig Stoff für die Gestaltung. Und doch sind gute Industriebauten nach wie vor möglich.

Wie eine Stadt im Kleinen

Die Metrohm AG in Herisau entwickelt hochsensible Messgeräte und stellt sie selber her. Drei Baukörper für Verwaltung, Entwicklung und Produktion stehen dicht beieinander und wirken wie eine Stadt im Kleinen. Eine Brücke verbindet die Teile und weitet sich zwischen ihnen zu einem Platz aus, der als Forum für informelle Treffen dient. Die nicht sehr grossen, aber sorgfältig gestalteten Aussenräume nutzen geschickt die Hanglage und verknüpfen das Ganze mit dem öffentlichen Raum. Zukünftige Erweiterungen werden überwiegend in der Vertikalen geschehen. Eine erste wird derzeit realisiert, und die Hochregallager, die aus dem Produktionstrakt herausragen, deuten an, was noch möglich wäre.

Auffällig sind die Fassaden, die mit ihrem prägnanten Muster mehr leisten, als der Anlage ein erkennbares Gesicht zu geben. Die wenigen, sich in vielen Varianten wiederholenden Elemente deuten die flexible Struktur der Bauten an. Sie erlauben es, auf ökonomische Weise präzise auf die Bedürfnisse der Innenräume zu reagieren, ohne den ruhigen Ausdruck des Ganzen zu stören. Dabei betont das Relief die Senkrechte und lässt die aus klimatischen Gründen relativ geschlossenen Fassaden durchlässig erscheinen. Dadurch wird die Wucht der grossen, kompakten Anlage gemindert (Architektur: Arge Keller.Hubacher.Seifert, Herisau; Landschaftsarchitektur: Mettler, Gossau).

Ein hängender Garten

Das Gebäude der Sky-Frame AG in Frauenfeld ist klar und einfach aufgebaut. Anlieferung, Fertigung und Verwaltung liegen in einem kompakten Baukörper übereinander. Dieser wird von zwei blechumhüllten Erschliessungstürmen flankiert. Der grössere, ein Hochregallager, dient dem Warenfluss, der kleinere, mit Aufzug und Treppe, den Besuchern und dem Personal. Der Vorplatz, eine Land-Reserve, dient als grosszügige Vorfahrt, während Anlieferung und Aussenlager hinter dem Bau den Blicken entzogen bleiben. Nach Süden schützt eine Art bewachsenes Regal die Glasfassade vor der Sonne, während im Norden, zur Autobahn hin, der Einblick in das Gebäude offen bleibt.

Die grüne Fassade auf der Ankunftsseite ist beeindruckend, auch von innen. Besonders im Bürogeschoss spielt der Vordergrund des hängenden Gartens schön mit dem Hintergrund der Hügellandschaft und mit dem Gartenhof zusammen. Fast könnte man den Eindruck bekommen, in einem leichten, eingeschossigen Pavillon mitten in einem Park zu arbeiten, und nicht hoch über einer Werkhalle, irgendwo zwischen Autobahn und Paket-Zentrum.

Mit seinen speziellen Aus- und Durchblicken greift der Bau das Thema der Firma auf, die extrem fein konstruierte Fenster herstellt. Als exklusive Kostbarkeit kommen diese aber nur beim Innenhof zur Anwendung. Hier erzeugen die vielfältigen Verknüpfungen von Innen und Aussen eine Atmosphäre von Eleganz und Leichtigkeit, die auf interessante Weise zur rohen Stahlstruktur des Industriebaus kontrastiert. Alle Elemente spielen wirkungsvoll zusammen. Das zeigt sich auch in den Werkhallen, die auf angemessene Weise einfach, aber nicht minder sorgfältig gestaltet sind – bis hin zur wohlgeordneten Führung der Leitungen (Architektur: Peter Kunz, Winterthur; Landschaftsarchitektur: Ganz, Zürich, mit Forster Baugrün, Kerzers).

Ausdruck der Firmenkultur

Sowohl die Metrohm wie auch die Sky-Frame stellen in ihren Bereichen Spitzenprodukte her, beide sind als Firmen selbständig und beide haben sich ganz bewusst für die Schweiz als zwar teuren, aber auch hochwertigen und stabilen Standort entschieden. Das ist kein Zufall. Mit der sorgfältig gestalteten Architektur der Firmen- und Produktionsgebäude bringen sie ihr Qualitätsbewusstsein zum Ausdruck.

Gute Architektur braucht gute Bauherren. Diese sind bereit, Verantwortung zu tragen und dabei ganzheitlich und langfristig zu denken. Industriebauten sind aus einer solchen Perspektive nicht bloss ein Kostenfaktor der Produktion, sondern auch ein Beitrag zum Marketing, vor allem aber eine Investition in die Qualität der Arbeitsplätze und in die Identitätsbildung der Firma. Architektur leistet einen entscheidenden Beitrag zur Firmenkultur, in jedem Fall und nachhaltig. Wer aber möchte ernsthaft eine Kultur, in der nur das Billigste zählt und noch der schalste Effekt gut genug ist?


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