Individuell und sehr beweglich

Wie vergeben grosse Bauträger ihre Aufträge? Die Raiffeisenbanken haben ein attraktives Modell mit Wettbewerb und Beratung entwickelt – keine Rezepte vom Band, sondern individuelle Konzepte für jeden Standort. Das scheint sich für die Bank auch zu rechnen.
14. Juni 2014, 02:45
GERHARD MACK

«Wir hatten eine gute Passantenlage, aber eine ungünstige Bank», sagt Daniel Brüschweiler. Also packte die Raiffeisenbank Schaffhausen einen Umbau an, obwohl sie erst vor 15 Jahren in das Gebäude direkt gegenüber dem Bahnhof eingezogen war. Die Parzelle ist schmal und lang, wie es in mittelalterlichen Innenstädten üblich war. Da bedurfte es eines kühnen Einfalls, um der kleinen Bank Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Ein völlig neuer Auftritt

Die Architekten griffen auf die Wandbemalung eines Hauses in der Altstadt zurück und schufen daraus ein Retro-Design im Stil der 70er-Jahre: Sie verkleideten eine Längswand mit rautenförmigen Gläsern, deren Farben von cremigem Weiss über Gelb, Orange und tiefem Rot verlaufen. Dass sie von künstlichem Licht hinterleuchtet werden, lässt sie auch am Tag richtig knallen. Kaum ein Passant geht vorüber, ohne kurz durch das Schaufenster zu schauen. Im Eingangsbereich steht ein zackig geschnittener Empfangstresen, dessen Form die Lichtschienen an der Decke aufnehmen. Der Raum bleibt eng, der Besucher empfindet ihn aber als offen und angenehm. Für rund zwei Millionen Franken hat die kleine Bank für Kunden und Mitarbeiter einen völlig neuen Auftritt gewonnen.

Die Raiffeisenbank Schaffhausen ist eine von 316 in der ganzen Schweiz. Diese betreiben mit 1032 Filialen das dichteste Bankennetz der Schweiz. Jede Bank ist eine eigenständige Genossenschaft, die für sich selbst entscheidet und ihre Ausgaben selbst bestreitet. Gebaut wird viel, doch nicht überall gibt es Experten. Als Unterstützung bietet die Zentrale in St. Gallen eine Bauherrenberatung an. Sieben Architekten betreuen jeweils eine Region und können für Bauaufgaben kontaktiert werden.

«Am Anfang vor fünfzehn Jahren war das für viele fremd und brauchte Überzeugungsarbeit, inzwischen werden wir fast immer zu Bauaufgaben hinzugezogen», sagt Andreas Hüttenmoser, der für die Ostschweiz zuständig ist. Inzwischen besteht ein gutes Vertrauensverhältnis, die Banker wissen, dass eine gute Architektur auch effizientere Abläufe ermöglicht. Zentral ist die Vorbereitung und Durchführung von Wettbewerben. Sie werden öffentlich mittels Anzeigen, vor allem in der Fachzeitschrift «Tech21», ausgeschrieben, aus den Einsendungen werden meist fünf ausgewählt und dem Verwaltungsrat der jeweiligen Bank vorgestellt, der dann eine Entscheidung trifft. Getrickst wird nicht; es geht um Qualität, nicht um die Ausschaltung von Gremien und Architekten, wenn die Baubewilligung erst einmal erteilt ist. Bevorzugt werden Bewerber aus der Region.

Den Standorten verpflichtet

Die Raiffeisenbanken sind als Hilfsvereine für verarmte Bauern als regionale Initiativen entstanden, sie fühlen sich bis heute ihren Standorten verpflichtet. Das wirkt sich auch bei der Vergabe von Aufträgen aus. So wurde der Umbau der Raiffeisenbank Appenzell ganz aus der engeren Umgebung bestritten: Die Architekten Jeannette Geissmann, Regula Geisser und Marcel Züllig sitzen in St. Gallen. Die Handwerker kamen aus den beiden Appenzeller Kantonen, einzig der Gipser war aus St. Gallen.

Das historische Stadthaus ist unter Einhaltung strenger Auflagen der Denkmalpflege zu einer modernen Bank geworden. Der Eingang wurde an seine ursprüngliche Stelle an der Hauptgasse zurückversetzt. Geschützte Elemente wie eine Wandmalerei oder eine historische Stube mit geschnitzter Wandtäferung wurden geschickt eingebunden. Neu gestaltete Elemente nutzen die lokale Tradition der Holzverarbeitung. Holz von einer selten knorrigen Ulme spielt von Türfassungen über Böden bis zum Banktresen das Leitmotiv. Die Bank empfängt ihre Besucher wie ein Hotel – nicht wie ein Hochsicherheitstrakt. Architekten und Bauherrschaft ist ein Bijou gelungen.

Gehören viele Raiffeisenbanken landauf landab nicht zu den langweiligeren Bauten? «Etwa 25 Prozent unserer Bauprojekte erreichen eine sehr gute Qualität, weitere 50 sind in Ordnung, ein Viertel ist nicht ganz so, wie wir uns das heute wünschen», bestätigt Andreas Hüttenmoser. Das Qualitätsspektrum hat vielleicht auch mit der regionalen Begrenzung zu tun. Ein Bau kann nur so gut werden, wie Architekten und Bauherrschaft es zulassen. Deshalb wird die Region ausgeweitet, wenn sich vor Ort niemand findet, der die gewünschte Qualität garantieren kann.

Auf Namensschild reduziert

Der positive Aspekt des Regiokonzeptes aus architektonischer Sicht ist die Chance zur Vielfalt. Während eine UBS es zu ihrem erklärten Ziel macht, dass ihre globalen Kunden überall auf der Welt sofort wissen, dass sie sich in ihrer Bank befinden, sobald sie eine Filiale betreten, reduziert Raiffeisen die Corporate Identity auf das rote Namensschild. Die Bauten dürfen so verschieden sein, wie Bauherren und Architekten es wollen.

Für den Ort gebaut

Darin ist das Konzept der individuellen Trägerschaft und der Beratung durch Bauherren durchaus vorbildlich für grosse Bauträger. Hier gibt es keine Rezepte vom Band, hier werden keine Schablonen aus der Schublade gezogen und jede verwandte Aufgabe variiert. Jeder noch so kleine Umbau wird für den Ort gebaut. Nicht einmal für die Inneneinrichtung gibt es Standards. Jeder möbliert nach den Vorstellungen, die er hat. Und gerade das scheint sich auch zu rechnen. Die Affinität der Kunden zu ihrer Filiale gilt als hoch, der Umsatz ist zuletzt, wohl auch durch das Finanzgebaren der Grossen, um 40 Prozent gewachsen.

Und noch etwas scheint man bei Raiffeisen vorbildlich begriffen zu haben: Die Bauträger wollen Öffentlichkeit. Sie wollen, dass ihre Kunden zu ihnen kommen und gerne bei ihnen verweilen. Die neuen Schalterbereiche ähneln fast allesamt einer Lounge. Im Neubau der Raiffeisen Flawil von Gähler Architekten aus St. Gallen ist das noch weiter getrieben: Da trennt nur eine Glastür, die sich bei Annäherung öffnet, ein neues Café und die Kundenzone der Bank.


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