Eine bessere Landschaft modellieren

Hunderttausende Tonnen Aushub und Bauschutt werden in der Deponie Tüfentobel jährlich gesammelt. Das Material aus einem Einzugsgebiet, das vom Bodensee bis ins Toggenburg und von Wil bis an den Alpstein reicht, wird hier zu einer neuen Landschaft geformt.

14. Mai 2016, 02:50
CASPAR SCHÄRER

Ein Bauboom ist anhand mehrerer Merkmale zu erkennen. Zunächst fallen natürlich die vielen Neubauten auf, seien es nun Einfamilienhäuser, Wohnsiedlungen, Gewerbebauten oder Fussballstadien. Vielleicht bemerkt der eine oder andere die Profilstangen der Baugesuche, bereits bevor gebaut wird. Schliesslich ragen überall dort, wo gebaut wird, die Kräne in den Himmel und erzählen weithin erkennbar von der Dynamik der Veränderung.

Generationenprojekt

Weniger sichtbar und abseits des allgemeinen Interesses gibt es einen weiteren Indikator, der sehr direkt mit der Bautätigkeit verknüpft ist und der sich bei näherer Betrachtung als gar nicht so unscheinbar herausstellt. In der Deponie Tüfentobel werden jährlich Tausende, ja Hunderttausende Tonnen von Aushubmaterial von zahlreichen Baustellen angeliefert. Jedes Einfamilienhaus mit Keller, jedes Bürogebäude mit Tiefgarage und erst recht ein Shoppingcenter liefert Aushub in die Deponie. Es ist dies nichts weniger als die gewaltige Verschiebung von Erde aus einem Einzugsgebiet, das vom Bodensee bis ins Toggenburg und von Wil bis an den Alpstein reicht.

Aber was interessiert schon eine Deponie? Wir lassen dort bekanntlich Material verschwinden – in diesem Fall Aushub –, das wir nicht mehr gebrauchen und deshalb nicht mehr sehen wollen. In der sowieso schon kleinräumig organisierten Schweiz, die zusehends dichter besiedelt wird, lässt sich aber eine Deponie immer weniger verstecken. Das zeigt sich exemplarisch an der Deponie Tüfentobel. Sie ist keineswegs abgelegen, liegt knapp ausserhalb der Stadt St. Gallen in deren Westen – und das Material verschwindet auch nicht, im Gegenteil: Es wird zum Bau einer neuen Landschaft verwendet. Aus dem von unzähligen Einfamilienhauskellern verdrängten Erdreich entstehen weiche Hügelzüge, verschiedene Bachläufe und ein Wald mit Lichtungen und allem Drum und Dran. Wie das Hausbauen erfordert auch das Landschaftbauen die kluge Umsicht von Ingenieuren und die formende Hand eines Gestalters, hier das Büro PR Landschaftsarchitektur aus St. Gallen und Arbon.

Im Tüfentobel wird seit Mitte der 1960er-Jahre Material deponiert. Die Arbeit begann unten an der Sitter bei der Spisegg. Schon 1964 wurde fast das ganze Tobel bis hoch nach Engelburg als Gebiet für die Deponie reserviert. Ursprünglich wäre einfach das ganze Tal bis oben hin aufgefüllt und anschliessend wieder rekultiviert worden. Mitte der 1980er-Jahre setzte ein Umdenken ein, während das deponierte Material langsam den Hang hinauf wuchs: Wenn eine Landschaft schon derart stark beansprucht wird wie das Tüfenbachtobel, könnten die Verursacher der Natur ja wieder etwas zurückgeben. Man könnte sich sogar vornehmen, dass die Landschaft nachher «besser» ist als vorher, also vielfältiger, abwechslungsreicher und vor allem attraktiv für Flora und Fauna.

Das sind schöne Gedanken, die aber der Konkretisierung bedürfen. Erste Vorstudien wurden gemacht und erste Grobprojekte erarbeitet. Es eilte nicht, schliesslich handelt es sich um ein Generationenprojekt, das über Jahrzehnte hinaus wirksam ist. Die neue Landschaft, die da entworfen wird, bleibt dann bis auf weiteres bestehen – so lange, dass unsere Urenkel gar nicht glauben wollen, dass diese Hügel aus den 2040er-Jahren künstlich sein sollen. Gemeinsam mit Spezialisten des Erdbaus, der Geologie und Hydrologie und natürlich mit dem Betreiber der Deponie entwickelten die Landschaftsarchitekten ein neues Konzept für ein Gebiet mit einer Längenausdehnung von 1,2 Kilometern und 100 bis 200 Metern Breite.

Technik und Gestaltung

Wie bei jedem Bauprojekt gilt es funktionale und technische Bedingungen einzuhalten. So kann gewisses Material nicht ohne weiteres deponiert werden, weil darin biologische oder chemische Reaktionen stattfinden, die man gerne unter Kontrolle behalten möchte. Jedes Material hat seine Eigenschaften und lässt sich auf unterschiedliche Arten zu Hügeln aufschichten – um ein Abrutschen zu verhindern, darf ein bestimmter Böschungswinkel nicht überschritten werden. Zu diesen zwingend zu erfüllenden Anforderungen kommen nun gestalterische Leitlinien, die keineswegs «weicher» sind. Zwei der wesentlichsten sind prägend für die künftige Landschaft im Tobel.

Die wohl wichtigste Massnahme ist die Freilegung des Tüfenbachs und seiner seitlichen Zuflüsse, die zurzeit noch unter der Deponie in betonierten Kanälen fliessen. Mit der Renaturierung verbunden ist das zweite zentrale Anliegen der Landschaftsarchitekten: Die durchgehende Hangkante im Osten des Deponie-Perimeters soll erhalten bleiben, um die Landschaft weiterhin «lesbar» zu machen. Ihr entlang wird der Tüfenbach fliessen, und so ein vertrautes Bild erzeugen. Ein etwas mehr als 300 Meter langes Teilstück des Tüfenbachs erblickt seit 2010 wieder das Tageslicht. Auf einem Spazierweg östlich des Eingangs zur Deponie kann die neue Landschaft wie eine Art Prototyp begutachtet werden. Der Bach fliesst, als wäre er schon immer da gewesen, rechts die bewaldete steile Flanke und links ein sanft geneigter Hügelzug, der von Pionierpflanzen besiedelt wird.

Heisslaufende Bauwirtschaft

Hinter dem Hügel ist es aber vorbei mit der Idylle. Hier ist die Deponie noch in vollem Betrieb, und man fühlt sich fast schon in einer Mondlandschaft. Der Wald ist gerodet, der Boden aufgewühlt und über den Köpfen rattert ein Förderband, das an spektakulär auskragenden Masten hängt. Darauf wird der Aushub tief ins Tobel hinein transportiert. Das spart Zehntausende von Lastwagenfahrten auf dem Areal und ist erst noch effizienter.

Trotzdem war die Deponie in den letzten Jahren stark bis sehr stark ausgelastet – und damit kommt wieder der Bauboom ins Spiel. Das Jahr 2013 war ein Rekordjahr, in dem insgesamt rund 770 000 Tonnen nichtbrennbare Abfälle angeliefert wurden; davon waren alleine 710 000 Tonnen Aushub.

Die Statistiken sprechen eine klare Sprache: Mitte der 1970er Jahre kam es im Zug der Ölkrise zu einem Einbruch, der erst in der zweiten Hälfte der 1980er-Jahre aufgeholt wurde. Dann kam die schwere Immobilienkrise, welche die ganze Schweiz erschütterte, und seit 2006 steigt das Volumen sprunghaft an. So stark, dass die Prognosen revidiert werden mussten.

Wenn es so weitergeht, wird die Kapazität nicht wie erwartet bis 2040 ausreichen, sondern die Grenze schon deutlich vorher erreicht, vielleicht schon zwischen 2020 und 2025. Das würde wiederum bedeuten, dass wir sehr viel früher Teile einer neu modellierten Landschaft mit Hügelkuppen, Wäldern und Lichtungen geniessen können.


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