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Tagblatt Online
23. Juli 2016, 02:45 Uhr

Dorfpark gegen Wachstumsschmerzen

Schon dass ein Dorf einen Park anlegen lässt, ist ungewöhnlich. Doch der neue Dorfpark im liechtensteinischen Triesen zeigt den Dorfbewohnern auch noch, wie sie einige Dinge ändern könnten, die ihnen das Leben schwer machen.

RUEDI WEIDMANN

TRIESEN. Triesen liegt prächtig am Osthang des Rheintals. Etwa 5000 Menschen leben hier inmitten von Weiden, Baumgärten und Rebbergen mit Blick über die weite Ebene auf Alvier, Pizol und Alpstein. Die meisten wohnen in einem Einfamilienhaus mit Garten. Wozu braucht es da einen Park? Tatsächlich kann man den Dorfpark leicht übersehen, obwohl er direkt an der Landstrasse liegt, die als Lebensader durch Liechtensteins Dörfer führt. Auf den ersten Blick unterscheidet ihn nichts von anderen Wiesen im Dorf. Das ist so gewollt. Den Landschaftsarchitektinnen Catarina Proidl und Jacqueline Kissling lag viel daran, dass er sich möglichst selbstverständlich in die Umgebung einfügt.

Ländliche Szenerie

Zwei geschwungene Fusswege führen durch die hohe Blumenwiese an zwei grossen alten und einem Dutzend junger Obstbäume vorbei auf die Gemeindeverwaltung zu. Nach einigen Schritten wird klar, es ist kein gewöhnlicher Baumgarten – oder «Bongert», wie man hier sagt. Unter einigen Bäumen ist das Gras kreisförmig gemäht. In diesen Rasenkreisen stehen Tische und Stühle aus leuchtend blauem Blech. Wo das Gelände gegen das Gemeindehaus abfällt, liegt ein Podest mit Kiesbelag und hölzernen Sitzstufen, darauf ein Brunnentrog aus Stahl. Das Plätschern übertönt den Lärm der Landstrasse. Eine verführerische ländliche Idylle!

Zwei Treppen führen hinauf zu den Büros der Gemeindeangestellten, in einen schmalen Durchgang zum Gemeindesaal und auf die Terrasse der benachbarten Musikschule. Es ist nicht zu übersehen, dass das 1980 erstellte Gemeindehaus dem Park seine Rückseite zuwendet. Auch die 2004 gebaute Liechtensteinische Musikschule stösst mit einer fast fensterlosen Mauer an den Park, das ältere Wohn- und Geschäftshaus vis-à-vis wendet sich ebenfalls ab. Man merkt, dass der Park nach den Häusern entstanden ist.

Gemeindehaus im Abseits

Um 1980 hatte man wie überall die Hauptstrasse mit ihrem wachsenden Verkehr als Lebensraum aufgegeben. Das neue Gemeindehaus entstand etwa fünfzig Meter abseits an einer Nebenstrasse. Unter und neben dem Neubau gab es jede Menge Parkplätze, aber ein Zugang von der Landstrasse her, wo der Bus hält, fehlte, und ebenso ein Garten. Zwischen Gemeindehaus und Landstrasse standen ein Bauernhof und die alte Post, sie wurden abgebrochen. Zurück blieb eine Brache mit einer verwilderten Hecke und Trampelpfaden zur Hintertür der Gemeindeverwaltung. Ein unangenehmer Ort, der bei Festen zum Pissoir verkam.

Die Bürgergenossenschaft Triesen, die das Kulturerbe der «Bongert» pflegt, pflanzte 2006 auf der Brache Apfel- und Birnbäume. Und als 2013 die Gemeindeverwaltung erweitert und renoviert wurde, konnte der Wunsch nach einem Aussenraum und einem Zugang von der Landstrasse erfüllt werden. Die Gemeinde erwarb den Baumgarten von der Bürgergenossenschaft, liess die Hintertreppe vergrössern und gab Catarina Proidl aus Schaan den Auftrag, einen Park zu gestalten. Diese zog Jacqueline Kissling aus Rorschach bei.

Aus Hinterhof wird Vorgarten

Wie verbindet man Hintertreppen, Rückansichten und Restflächen zu einem Garten? Die Landschaftsarchitektinnen gingen sanft an die Aufgabe heran. Sie suchten verborgene Qualitäten und verstärkten diese klug: Die Obstbäume liessen sie stehen. Die neuen Wege legten sie auf die Trampelpfade, wo sie ja offensichtlich einem Bedürfnis entsprachen. Sie verwendeten die roten Pflastersteine, die schon um das Gemeindehaus verlegt waren, und die weissen Hortensien, die da schon wuchsen. Die blau-weisse Hibiskushecke vor der Musikschule verlängerten sie über die Strassenseite des Parks. Indem sie aufgriffen, was schon da war, konnten sie die zerstückelte Umgebung zusammennähen.

Die verwilderte Hecke verschwand mit Ausnahme von zwei Linden. Nun ist das Gemeindehaus von der Landstrasse aus sichtbar. Die Besucher des Jugendtreffs belegen abends die Sitzstufen am Brunnen, die Angestellten nutzen die blauen Tische. Zwar ist die Rückseite nicht zum Haupteingang geworden, doch der Park hat das Gemeindehaus mit wenig Aufwand näher dahin gerückt, wo er hingehört: ins Zentrum, an die Hauptstrasse, zu den Bürgerinnen und Bürgern.

Wohlstand und Vereinzelung

Hinter dem Dorfpark steht aber noch ein anderes Bedürfnis. Es hängt mit der Umwälzung zusammen, die in Triesen im Gang ist: Das einstige Bauern- und Industriedorf wandelt sich zur Agglomerationsgemeinde in einer boomenden Dienstleistungsökonomie. Der wachsende Wohlstand geht mit einer enormen Bautätigkeit und Individualisierung einher. Liechtensteins Dörfer wachsen zusammen, die Landstrasse kann die Autos nicht mehr schlucken. Es gibt hier zwei pro Haushalt, man fährt zum Mittagessen nach Hause. Man lebt im Einfamilienhaus, im Büro, im Auto, im Stau. Man verliert sich aus den Augen. Die Gemeinden spüren die Folgen der Vereinzelung, etwa bei der Betreuung von pflegebedürftigen Menschen.

Städte haben Rezepte gegen diese Wachstumsfolgen erfunden. Ihre Dichte ermöglicht Nähe und Austausch. Einen «dörflichen» Lebensstil findet man heute am ehesten in dichten Innenstadtquartieren, wo die Mehrzahl ohne Auto lebt und man sich in Quartierläden und Cafés begegnet. Dafür leiden heute Agglomerationsgemeinden unter Verkehr und Anonymität. Sollen sie Stadt werden? Nicht alle können das. Viele wollen lieber Dorf bleiben – oder besser: das Dorf wiederbeleben. Dafür müssen sie städtische Rezepte an lokale Traditionen anpassen.

Neuer Lebensstil

Nun ist klar, wozu Triesen einen Park braucht: nicht zur Verschönerung – als Treffpunkt. Leise und charmant macht er ein Angebot für einen anderen Lebensstil mit weniger Hektik und Mobilität, dafür mit mehr Musse und Austausch. Mit Brunnen, Obstbaum, Kiesweg, Tisch und Stuhl haben die Gestalterinnen dörfliche Zutaten für das städtische Rezept Park gefunden. So fällt er nun kaum auf, hält das Können und die Sorgfalt, mit der er gestaltet ist, fast zu sehr unter dem Deckel. Aber es gelingt ihm das Beste, was ein Garten leisten kann: ein einladender Ort zu sein.

Noch wird er nicht überrannt, doch geschätzt. Es scheint eine Frage der Zeit, bis es auch hier üblich wird, den Mittag im Park zu verbringen. Der Dorfpark Triesen ist Teil eines globalen Trends, der Rückeroberung des öffentlichen Raums als Lebensort. Nicht jede Wiese darf Bauland werden. Ein Dorf braucht seinen «Bongert» und die Menschen einen Garten in der Mitte, um sich zu treffen.



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