Brache wandelt sich in Zeitlupe

WIDNAU. Auf dem ehemaligen Fabrikareal der Viscose in Widnau hat sich der Künstler und Architekt Spallo Kolb ein Experimentierfeld erschlossen. Die Verwandlung ist als fortlaufende Arbeit gedacht – mit offenem Ausgang. Das Ziel ist, die Industrieruine bewohnbar zu machen.
18. April 2015, 10:20
RAHEL HARTMANN SCHWEIZER

Der Umgang mit aufgegebenen Industriestandorten folgt standardisierten Drehbüchern: Entweder sie werden – meist nach einer Zwischennutzungsperiode – abgebrochen, um Neubauten Platz zu machen, und/oder umgenutzt – als Museen, Schulen, Lofts. In der Ostschweiz kann man diese beiden Szenarien exemplarisch verfolgen: in Aadorf, wo vor zwei Monaten die Backsteingebäude der einstigen Feilenfabrik Baiter abgebrochen wurden, um auf dem 5600 Quadratmeter grossen Areal vier Mehrfamilienhäuser zu errichten, und in Arbon, wo die Firma HRS das 24 Hektar umfassende ehemalige Saurer-Gelände mittels Architekturwettbewerben zu einem neuen durchmischten Stadtteil umwandelt und bis 2016 das Hamel-Gebäude aus dem Jahr 1907 renoviert und mit Mall, Büros und Wohnungen alimentiert.

Szenario im Verborgenen

Ein drittes Szenario spielt sich meist eher im Verborgenen ab, weil die Eingriffe weniger spektakulär sind oder weniger Zündstoff bieten. Beobachten lässt es sich auf dem Viscose-Areal in Widnau. Einen Steinwurf von der Lokomotivremise entfernt, flankiert von einem ausgedienten Schienenpaar und vor der Kulisse improvisierter Pflanzplätze fällt der Blick auf ein zu einer mächtigen Möbiusschleife aufgerolltes rostiges Bergbahnstahlseil. Das Holz, der Haspel, auf der es einst aufgespult war, verfaulte zusehends, bis es unter dem Gewicht des Stahls kollabierte und sich dieser durch den Drall der Wicklung zur Schleife verformte. «Schlaufe» nennt Spallo Kolb das «Objet trouvé», das vorgefundene Objekt. Weiter hinten liegt eine Plastik, die aussieht wie ein vergrösserter Unspunnenstein. Es ist aber kein Findling, sondern mittels ausbetoniertem Stahlgerüst imitierte Natur. Das Stahlseil und der Betonbrocken stehen symbolhaft für Kolbs Interventionen auf dem Areal: Arbeiten mit dem Vorgefundenen, Neues adaptierend erfinden.

Von Bau zu Bau nomadisieren

Die Geschichte beginnt 1998, als der Niedergang des 1924 eröffneten Viscose-Standorts am Rhein besiegelt wird. Spallo Kolb, der seit dem Studium an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien (1980 bis 1982) als Künstler, Designer und Architekt arbeitet, ist auf der Suche nach einem Atelier, und die Viscose-Muttergesellschaft in Emmenbrücke will brachliegende Teile ihres Areals veräussern.

Kolb quartiert sich in der ehemaligen Montageleitungsbaracke ein, haust vorerst ohne Wasser und Strom und initiiert das Experiment, die Industrieruine bewohnbar zu machen. Er tut dies als fortlaufende Arbeit und nomadisiert von Bau zu Bau. Nachdem die Montageleitungsbaracke isoliert, mit Strom und Wasser versorgt sowie mit Küche und Bad ausgerüstet ist, vermietet er sie und zieht weiter in die nächste. Er baut sie zurück und erstellt zwei spiegelbildlich zueinander organisierte Grossraumwohnungen: Case 1 + 2. Vis-à-vis steht die einstige Gärtnerbaracke – hinter einem alten Güterwaggon auf einem ausgedienten Gleisabschnitt. Den Holzbau funktioniert er zum Schlaftrakt um und ergänzt ihn um je einen Betonkubus für Wohnraum und Büro. Das Ensemble nennt er Casita.

Lose und kompakt

Der Schienenstrang mündet in der Lokomotivremise am Galerieweg, die er mit seiner Familie bewohnt. Sein Büro hat er in einer der Boxen, die auf der andern Seite des Wegs in wilder Kreuzbeige übereinander gestapelt sind. Die Anordnung ist nicht «l'art pour l'art» statische Spielerei, sondern resultiert aus der Rücksicht auf den alten Baumbestand. Erschlossen sind die «Case Study Houses» über einen imposanten Treppenturm, von dem aus Passerellen zu den Eingängen führen. Kolb benennt die «Holzkisten» nach dem experimentellen und legendären Wohnbau-Programm, das die US-amerikanische Zeitschrift Arts & Architecture zwischen 1945 und 1966 lancierte. Im Gegensatz dazu zeichnet sich seine Intervention im ehemaligen Unterwerk durch Kompaktheit aus. Er «durchsticht» die drei Hallen, in denen einst Transformatoren standen und «schiebt» vollflächig verglaste, zweigeschossige Container so «hinein», dass sie das leergeräumte Volumen ausfüllen.

Nicht so im oberen Geschoss, das sich über alle drei unteren Hallen erstreckt. Hier stellt er die Holzkiste «lose» hinein, so dass sie von der Fassade zurückversetzt ist und die Decke nicht berührt.

In der Schwebe

Frappierend ist, dass Kolb durchwegs mit Boxen operiert, diese aber so variiert, dass die bestehenden Bauten ihren Charakter behalten und sich die neuen in das uneinheitliche Konglomerat einfügen. Diese konsequente Variation eines Themas, das sich auch im Innern wiederfindet, wo Kolb nach dem Raum-im-Raum-Prinzip da einen Badcontainer hineinstellt, dort eine Schlafkoje plaziert, macht den Charakter der Interventionen aus.

Die Eingriffe werden «in der Schwebe» gehalten. Das gilt für die in scheinbar prekärem Gleichgewicht balancierenden «Case Study Houses» ebenso wie für die Eigenkreationen der freistehenden Küchenblöcke und die als Galerien ausgebildeten «Obergeschosse». Nicht zuletzt gilt das auch für die Eigentumsverhältnisse: Das Terrain zwischen den Bauten ist Allgemeingut.

Die Eigenheit in Arbon liegt – abgesehen davon, einen Zeugen der Industriegeschichte zu bewahren und hohe architektonische Massstäbe an die Neubauten zu legen – in der radikalen Umwälzung des Quartiers im Zeitraffer. Demgegenüber ist der Reiz der Slow-Motion-Transformation in Widnau ein unvollendetes Werk, ein Non-finito, ein «Work in progress» mit offenem Ausgang zu sein.


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