Bautradition als Ideenreservoir

ARCHITEKTUR ⋅ Künftig wird vor allem innerorts gebaut. Das erhöht den Anspruch an Neubauten. Sie müssen grösser, dichter, multifunktional und sorgfältig gestaltet sein. Rezepte dafür stecken in der Appenzeller Bautradition.
01. April 2017, 13:59
Ruedi Weidmann
Das Bauen steht in der Schweiz an einer Epochenschwelle: Zur Schonung der Landschaft ist Bauen künftig fast nur noch in bebautem Gebiet möglich. Am einen Dorfrand Einfamilienhäuser und am andern flache Hallen fürs Gewerbe bauen, können wir uns nicht mehr leisten. Aus Rücksicht auf Natur und Kulturland, aber auch, weil so die Ortsmitte abstirbt, wovon leere Altbauten und Ladenlokale zeugen. Damit die Ortskerne wiederbelebt werden, müssen Wohnen, Gewerbe, Einkaufen und so weiter wieder zusammenkommen. Verdichten mag bedrohlich tönen, aber wo mehr Menschen beisammen wohnen, können Läden, Gastrobetriebe und Service public wieder funktionieren.

Damit wachsen aber die Anforderungen an Neubauten. In einer dichten Ortschaft dürfen Bauten nicht nur von der Lage profitieren, sondern müssen selber etwas für den Ort tun, etwa mit einem öffentlich zugänglichen Parterre. Verschiedene Nutzungen unter ein Dach zu bringen, ist aber eine anspruchsvolle Aufgabe für Architekturbüros. Je grösser und dichter die Bebauung, umso wichtiger wird eine sorgfältige Gestaltung, die sich ins Ortsbild einfügt und es verbessert. Baubehörden und Bevölkerung müssen sich für mehr architektonische Qualität einsetzen. Sonst macht das Verdichten unsere Orte einförmig. Sie müssen aber ihre Einzigartigkeit stärken, damit sich Menschen mit ihrer Gemeinde identifizieren können und Verantwortung übernehmen.
 

Potenzial des Bürgerhauses ist noch kaum erkannt

Glücklich sind da Regionen, die sich eine starke Eigenart im Bauen bewahrt haben, wie das Appenzellerland mit seinem Holzbau. In der Bautradition finden sich Baustoffe, Konstruktionen und Formen, die unter lokalen Bedingungen entstanden und darum nachhaltig sind. Nicht zufällig wächst heute weltweit das Interesse am traditionellen Bauen. Wird Althergebrachtes auf neue Bauaufgaben übertragen, kann eine Architektur entstehen, die heutige Aufgaben meistert, aber vertraut ist und darum geschätzt wird.

Der Appenzeller Holzbau wurde tausendfach fotografiert, gemalt, auf Biberli gedruckt – doch sein Potenzial als Inspiration für die bauliche Zukunft wurde noch kaum erkannt. Wohl, weil die Faszination bisher vornehmlich den Bauernhäusern galt. Für heutige Aufgaben interessanter ist aber die Innerorts-Variante, das Fabrikantenhaus. Ohne Stall und Scheune, aber mit der gleichen Strickbau-Konstruktion und der typischen Raumaufteilung, mit Schindelschirm, Täferfront auf der Sonnenseite und den gleichen schönen Details. Diese Bürgerhäuser sind gross, bis sechsstöckig, stehen oft dicht nebeneinander und bilden städtische Plätze. Sie waren stets multifunktional und öffentlich zugänglich. Im Parterre lagen Büros, Läden und Lager der Textilverleger, im Dachstock oft ein Saal. So war die Bebauung in den Appenzeller Hauptorten seit je dicht und vielfältig genutzt. Lassen sich diese Qualitäten für zeitgemässes Bauen nutzen? Zusammen mit den vielen schönen Holzbauten hat im Appenzellerland auch das Zimmereihandwerk überlebt. Die Betriebe pflegen ein traditionelles Holzbau-Wissen, das die Gewerbeschulen nicht mehr lehren, und entwickeln gleichzeitig neue Techniken wie die Element-Bauweise aus Wandmodulen, die besser isolieren als die alten Strickwände. Gewitzt nutzen die Zimmereien den Traum vom Urchigen für ihr Geschäft, Nägeli in Gais etwa mit dem Label «Appenzeller Holz» oder Frehner gleichenorts mit dem an bestimmten Tagen des Mondzyklus geschlagenen Mondholz.

Wenn sie von Architekturbüros entworfene Bauten ausführen, sind die Zimmereien zu herausragenden Leistungen fähig. Das zeigen Neubauten wie das Seniorenheim Bad Säntisblick in Waldstatt, von Alex Buob entworfen und 2013 von der Zimmerei Nägeli konstruiert, oder der Neubau mit 21 Seniorenwohnungen in Teufen von Hörler Architekten, 2011 gemeinsam von Nägeli und Heierli aus Teufen konstruiert. Doch meist bauen und renovieren die Zimmereien auf eigene Faust Einfamilienhäuser und Kleinsiedlungen. Dort fliesst ihr Können in nostalgische statt innovative Bauten.


Aufbruch zeichnet sich ab

Die Bautradition für heute anstehende Aufgaben fruchtbar machen: Genau dies versuchte 2010 die Studie «Bauen im Dorf» der Ausserrhodischen Kulturstiftung, initiiert vom Ausserrhoder Denkmalpfleger Fredi Altherr. Sechs Architekturbüros vermassen alte Bürgerhäuser, studierten deren Konstruktion, Materialien, Raumanordnung und Proportionen. Mit den Erkenntnissen entwarfen sie fiktive Holzbauten. Ihre Pläne und Modelle wurden im Volkskundemuseum in Stein gezeigt. Sie deuteten an, wie sich die Appenzeller Holzbautradition aus ihrer Stagnation lösen und wieder lebendig und gegenwartsbezogen werden könnte.

Laut Altherr hat dies einen Aufbruch ausgelöst. Die Beispiele motivierten Architekturschaffende und kommunale Baubehörden. Diese mussten zuvor die vielen geschützten Ortsbilder hartnäckig gegen unpassende Eingriffe verteidigen; Resultat war oft eine pseudohistorische Kulissenarchitektur. Seit «Bauen im Dorf» wissen sie, wie zeitgemässe, ortsbildverträgliche Architektur aussehen kann. Dadurch können sie Bauherrschaften besser beraten und trauen sich eher, innovative Projekte zu bewilligen. Erste Beispiele sind das Reformierte Kirchgemeindehaus von bm Architekten und ein Wohnhaus von Gerold Schurter am Alten Steig in Herisau. Bei diesen Vollholzbauten sind nicht nur die Fassaden, sondern auch Konstruktion, Materialien und Grundrisse im Innern von traditionellen Häusern abgeleitet. Rund zwanzig weitere von «Bauen im Dorf» inspirierte Neubauten sind in Ausserrhoden in der Bewilligungsphase, darunter die Gemeindeverwaltung Grub mit Wohnungen und Gewerbe, ein Ersatzneubau für das Haus Vulkan in Herisau und eine Metzgerei mit Wohnungen in Schwellbrunn.

Was noch fehlt, sind Holzbauten vom Kaliber der Zellweger-Paläste in Trogen, der Kantonsschule Wil oder der «Giesserei» in Oberwinterthur. Sie könnten auf vertraute Art neue Lebensqualität in zentrale, aber unternutzte Quartiere wie am Bahnhof Herisau bringen. Dazu sieht das revidierte Ausserrhoder Baugesetz den Erneuerungsplan vor, mit dem Gemeinden besonders gute Gestaltung mit mehr Bauvolumen belohnen können. In Fabrikantenhäusern und auch in hölzernen Fabriken stecken alte Rezepte für diese neue Aufgabe. Sie könnten helfen, das Verdichten beliebt zu machen, und die Zimmerleute könnten zeigen, was in ihnen steckt.

Das wäre wahre Innovation aus der eigenen Geschichte heraus. Dass es funktionieren kann, zeigt der seit vierzig Jahren anhaltende Erfolg der «Tessiner Schule». Ihr Vertreter Luigi Snozzi sagte einmal: «Architektur muss man nicht erfinden, man muss sie nur wieder finden.»

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