Nervös gleiten seine Hände über das Schachbrett. Der Pole Leszek Koczot tastet jede der 32 Spielfiguren einzeln ab. Er sieht nicht, ob sie schwarz oder weiss sind, denn Koczot ist blind. Er ist einer von acht taubblinden Teilnehmern an der Schachweltmeisterschaft der Gehörlosen, die dieses Jahr in St. Gallen stattfindet. Woher die Spieler kommen, erkennt man an den Trikots ihres Landes; jemand trägt ganz stolz einen Schottenrock.
Im Raum des Hotel Radisson SAS, wo die Spiele stattfinden, ist es mucksmäuschenstill. Sprechen ist nicht erlaubt, damit die Spieler sich konzentrieren können. Koczot ist unter Zeitdruck. Er hat noch drei Minuten, dann ist seine Spielzeit abgelaufen. So schnell es geht, tastet er die Figuren immer wieder ab und sucht verzweifelt nach einem möglichen Spielzug. Schliesslich kann er seinem Gegner aus Aserbaidschan den Springer entwenden. Doch das nützt dem Polen nichts mehr. Die Zeit ist abgelaufen und Koczot muss sich geschlagen geben. Ganz fair war die Partie nicht: Koczots Gegner war nicht vollständig blind.
Für den Blinden ist das Spielen sehr schwierig. «Ich muss mir die Aufstellung des ganzen Feldes im Kopf merken können.» Dies schafft der 55jährige Pole durch häufiges Trainieren. Er übe mindestens drei Stunden pro Tag. «Zuerst muss ich alle Figuren ertasten und mich an alles erinnern können. Danach muss ich mir die nächsten Spielzüge überlegen und gleichzeitig auch immer daran denken, welche Züge mein Gegner machen könnte.» Die Figuren kann Koczot dank einer Markierung unterscheiden: Die weissen Figuren haben oben eine Spitze. Auch das Schachbrett ist nicht flach. Die schwarzen Felder sind erhöht.
Koczot hat auch einen Assistenten, der während des gesamten Spiels neben ihm sitzt. Er führt die Hände des blinden Spielers zu den Figuren und teilt ihm mit, wie viel Zeit ihm noch bleibt, indem er Koczot die Zahl in die Handfläche schreibt.
Die Schachweltmeisterschaft der Gehörlosen gibt es bereits seit den 1950er-Jahren. Seither findet der Anlass alle vier Jahre statt. «Deshalb sind die Rahmenbedingungen für die Gehörlosen klar vorgeschrieben», sagt Gregor Maier, Präsident des Organisationskomitees. Die Taubblinden sind dieses Jahr aber zum erstenmal dabei. Darum gebe es in dieser Kategorie noch keine klaren Regeln dazu, wie viel jemand noch sehen darf. Deshalb kann es, wie bei Koczot, vorkommen, dass ein Spieler mehr sieht als der andere. Der Pole hat bis jetzt vier Spiele hinter sich. «Leider habe ich noch keines gewonnen.» Vor neun Jahren an der Europameisterschaft sei er besser gewesen.
Nach jeder Partie können die 84 Teilnehmer das Spiel im Analyse-Raum auswerten. «Hier können alle Spielzüge noch einmal nachgespielt werden, um zu sehen, was man strategisch hätte besser machen können», erklärt Maier. Doch Koczot zieht sich nach dem verlorenen Spiel lieber aufs Zimmer zurück. Er hat noch drei weitere Partien vor sich in den nächsten Tagen. Die Teilnehmer werden noch bis zum 31. Juli um den Weltmeistertitel kämpfen.
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