ST.GALLEN. Leonhardspärkli, 18.30 Uhr: «Wir gehen nicht vor die Tür», «Freiheit, Gemütlichkeit und Toleranz» steht auf Transparenten. Bereits hat sich eine Hundertschaft versammelt, viele mit einer Zigarette im Mundwinkel. Auch ein paar Stumpen dampfen, Pfeifenraucher aber sind selten. Bekennende Nichtraucher sind ebenfalls dabei, und solche, die wegen der Demo ihre Raucher-Abstinenz aufheben.
Vereint hat sie die Unzufriedenheit: Ab dem 1. Oktober gilt im Kanton St. Gallen das Rauchverbot in öffentlich zugänglichen Räumen. Man ist aber nicht prinzipiell dagegen: Versammelt haben sich hier vor allem Inhaber und Gäste von kleinen Quartierbeizen. Sie wollen, dass es deklarierte Raucherbeizen gibt, in denen geraucht werden darf. «Die Pensionierten wollen doch ihren Jass klopfen, ihr Bier trinken und eine Zigi rauchen, und sind damit zufrieden», sagt ein Demo-Teilnehmer. «Das muss man ihnen lassen, sonst gibt es noch mehr Vereinsamte.»
Das Gefäss für diesen organisierten Widerstand hat der Stadtparlamentarier und Mitglied der kantonalen SVP, Christian Hostettler, geschaffen. Im März wurde die «Raucherliga» – in Anspielung an die Lungenliga – gegründet, welche auch die Demo auf die Beine gestellt hat. Der Raucherliga-Staff verteilt als Erkennungszeichen rot-weisse Plastikbänder. Bald flattern sie von Handgelenken oder werden als Stirnband getragen. Das Medieninteresse ist gross: Man sehe die eigene Existenz bedroht, sagen Beizenbesitzer in Mikrophone. Fünf Polizisten, alles Nichtraucher, schauen aus Distanz zu.
Um 19.10 Uhr geht es los: Rätschen werden in Gang gesetzt, auch Trillerpfeifen gibt es. Abendverkauf-Shopper bleiben erheitert stehen, viele haben von der Raucher-Demo gehört. «Wir sind Raucher, keine Verbrecher», schallt es durch die Multergasse, rauchende Passanten werden mit dem Ruf «Weiter so!» aufgemuntert. Und ab und zu ist ein Jauchzer zu hören.
Nach einer halben Stunde ist der Zug beim Waaghaus. Diszipliniert legt man die Transparente auf den Boden. Christian Hostettler steigt auf ein Palett und greift zum Mikrophon. «Ich bin Präsident der Raucherliga», begrüsst er die Demo-Besucher und erntet tosenden Applaus. Dann wird Hostettler deutlich – gegen den St. Galler Stadtrat: Der mache, was er will, nämlich ein «Riesen-Puff». Das Gesetz sehe Ausnahmebewilligungen vor – damit er nichts falsch machen könne, gebe der Stadtrat einfach keine. In Flums sei das anders: Von 17 Gesuchen seien 17 bewilligt worden. Der zweite Stadtparlamentarier am Mikrophon, SP-Mann Etrit Hasler, ist derselben Meinung wie der Raucherliga-Initiant.
Hostettler kündigt eine baldige Volksinitiative an. Das Gesetz müsse geändert werden, Raucherbeizen müssten möglich sein. Vor dem Waaghaus ist man auch dieser Meinung. Nach Schätzung der Polizei waren gegen 200 Personen an der Demo, nach Meinung der Organisatoren waren es knapp 300. Daniel Klingenberg
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