Nein, nervös sei er nicht. Obwohl das Training in den vergangenen Tagen etwas zu kurz gekommen sei. Eigentlich hatte Halit Redzepi mit Daniel Hadorn eine Woche lang intensiv Schach spielen wollen, dem einzigen hörbehinderten Gegner, der ihm in der Schweiz gefährlich werden kann. Doch aus dem Training wurde nichts. Jetzt spielen die beiden ausnahmsweise nicht gegen-, sondern miteinander und vertreten (zusammen mit einem Junior) die Schweiz an den Schach-WM der Gehörlosen (siehe Kasten). Ein bisschen aufgeregt sei er schon, sagt Redzepi: «Wie läuft wohl meine erste Weltmeisterschaft?»
Vor 15 Jahren kam Halit Redzepi mit seiner Familie aus dem Kosovo nach St. Gallen. Schon damals hörte er schlecht. Zwar hatte er in seiner Heimat die Schule und das Gymnasium ohne Hörgerät abgeschlossen und auch eine Zeit lang als Verkäufer im Supermarkt gearbeitet. Als er sich in der Schweiz aber von einem Arzt untersuchen liess, erhielt er einen Hörapparat. Er trägt ihn nun schon seit 13 Jahren. Damit und mit Lippenlesen kommt er heute in der Welt der Hörenden zurecht.
Schach spielt Redzepi schon länger. Als Knabe beobachtete er den Vater, wenn sich dieser mit Freunden dem Spiel der Könige widmete. Ein erstes Erfolgserlebnis dann, als Redzepi gegen einen starken Spieler aus einem Schachklub antrat – und gewann. Er entdeckte sein Talent und begann, Partien grosser Meister zu analysieren und nachzuspielen. «Schach ist ein intelligentes, korrektes Spiel. Es gibt keine gelben Karten, keine Penalties, kein Out. Und es ist fast kein Glück dabei», sagt der 43jährige. Schach sei grenzenlos, es gebe unendlich viele Möglichkeiten. «Es ist ein bisschen mehr als Sport und ein bisschen weniger als Philosophie.»
In St. Gallen spielte er zunächst im Schachklub Kosova, seit mehr als zehn Jahren ist er aber Mitglied im Schachklub St. Gallen und trainiert jeden Montagabend. «Die Konkurrenz ist stark», sagt Redzepi, der heute zu den besten zehn Spielern der Stadt zählt.
Seine Stube im Krontal zieren Wanderpokale. 1998 gewann er die städtische Meisterschaft, er siegte schon in mehreren Turnieren, im vergangenen Jahr wurde er Schweizer Meister im Gehörlosen-Schach und qualifizierte sich damit für die Weltmeisterschaft. Dort will er mindestens jedes zweite Spiel gewinnen und so in die erste Tabellenhälfte gelangen. «Das wäre ein solides Resultat.» Doch dürfte das nicht einfach werden. Auf der Elo-Skala, die Schachspieler international vergleichbar macht, liegt Redzepi hinter vielen seiner Konkurrenten. «Das ist vielleicht ein Vorteil. Die Gegner könnten mich unterschätzen», sagt er und lacht.
Für ihn ist es ein Glücksfall, dass die Weltmeisterschaft ausgerechnet in St. Gallen stattfindet. Denn Redzepi hat bis jetzt weder einen Schweizer Pass noch eine B-Bewilligung. Und mit seinem F-Ausweis kann er die Schweiz nicht einfach so verlassen; bei einer WM im Ausland müsste er also passen. «Ich bin ein Albaner und habe nur eine vorläufige Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz. Auf meinem Trikot steht aber das Schweizer Kreuz.» Das sei schon manchmal komisch.
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