Tagblatt Online, 04. August 2009 01:01:04
Totgeschwiegenes Réduit
Die Réduit-Serie des Schweizer Fernsehens findet enorme Beachtung. Für den Militärhistoriker Rudolf Jaun ist die von ihr ausgelöste Debatte ein «Trauerspiel».
Rolf App
«Kostümshow ohne Geschichte», «SF widmet Réduit absurde Hommage», «Abschied von vorgestern»: Was über das dreiwöchige Living-History-Projekt «Alpenfestung – Leben im Réduit» des Schweizer Fernsehens geschrieben wird, fällt kritisch aus. Die «Gruppe Schweiz ohne Armee» hat auch schon den Abbruch der Übung verlangt.
Sommer-Strassenfeger
Der Historiker Georg Kreis stellt schliesslich fest, jetzt kämen wieder vermehrt nationalkonservative Auffassungen zum Zug.
«Man stelle sich eine derartige Produktion vor zehn Jahren vor, als die Schweiz – temporär – gezwungen war, sich mit den dunklen Seiten ihrer Kriegsjahre zu beschäftigen», schreibt das Mitglied der Bergier-Kommission zur Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg.
Auf der andern Seite findet der nachgestellte Alltag in einer Artilleriefestung ein enormes Interesse bei den Zuschauern.
Mit einem Marktanteil von 51,3 Prozent darf man die Serie schon als wahren Sommer-Strassenfeger bezeichnen.
Problematisches Bild
Für den Militärhistoriker Rudolf Jaun ist «Alpenfestung – Leben im Réduit» mehr als Spektakel. Er begleitet die Sendung und kritisiert manches. Etwa, dass man so tue, «als habe das Réduit aus Festungen bestanden». Auch das Format habe viele problematische Seiten, vor allem jene der Realitätsferne: Man kann zwar vieles nachstellen,
nicht aber die von Angst und tiefer Unsicherheit geprägte Stimmung der Zeit, um die es geht. «Es bleibt immer eine Konstruktion.»
Doch der Wert von «Alpenfestung» liegt für Rudolf Jaun woanders. Er hält es für bitter nötig, dass man das Réduit wieder aufgegriffen hat, «denn es ist ein über Jahrzehnte tabuisiertes Thema – und zwar von jener Generation, die sich in den Achtzigerjahren aufgemacht hat, historische Tabus zu beseitigen.»
Ein «Trauerspiel»
Damals sei das Réduit zum Unthema erklärt worden, sagt Jaun, der selber damals studiert hat. Und die heftige Opposition von heute bezeichnet er deshalb als «Trauerspiel». Diese Tabuisierung hat dazu geführt, dass die im Réduit gipfelnde Verteidigungspolitik der Schweiz im Zweiten Weltkrieg niemals debattiert worden sei – mit ihren Vor- wie mit ihren Nachteilen. «Für mich war die Réduit-Konzeption eine unerlässliche Notlösung mit Pferdefüssen», sagt Rudolf Jaun.
Das bedeutet: Das Land war anders nicht zu verteidigen mit einer mangelhaft gerüsteten Armee.
Falsche Gegensatzpaare
So sieht Rudolf Jaun nun die «Betonköpfe» auf der anderen Seite. Dort nämlich, von wo man in den letzten Jahrzehnten gegen eine glorifizierende Darstellung der Rolle der Schweiz angeschrieben hat. «Diese Leute haben noch nicht gemerkt, dass der Kalte Krieg vorbei ist.»
Widerstand oder Anpassung: Auf dieses Gegensatzpaar lassen sich viele Debatten reduzieren. Sieht die eine Generation die Schweiz als den tapferen Igel, der gegen den Nationalsozialismus Widerstand leistet, so betont die andere das Anpasserische: die Wirtschaftsbeziehungen zu Nazideutschland, die politischen Konzessionen, die Funktion der Schweiz als Finanzdrehscheibe und ihre auf Abwehr ausgerichtete Flüchtlingspolitik. Solche Aspekte hebt auch der Bergier-Bericht hervor.
Die Wahrheit indes liege in der Mitte, betont Rudolf Jaun. «Weder ist der Bergier-Bericht eine Herabsetzung des Réduits, noch ist die Thematisierung des Réduits eine Herabsetzung des Bergier-Berichts». Das Réduit aber, diese «sehr risikobehaftete Notlösung», zu der es seiner Ansicht nach keine wirkliche Alternative gegeben habe, sei noch keineswegs genügend erforscht.
Vieles ist zugänglich
«Dabei ist die Quellenlage besser als je zuvor – es gibt im Bundesarchiv zum Beispiel Truppentagebücher, die noch niemand vertieft ausgewertet hat. Und zwar weil man das bisher als ein Unthema angeschaut hat.» So weiss man zum Beispiel wenig, wie das Réduit akzeptiert wurde. Um eine Debatte in der Armee zum Schweigen zu bringen, ist aus dem Stab des Generals die Aufforderung an die Offiziere ergangen, sie sollten sich Gedanken machen über die Konzeption der Armee nach dem Weltkrieg. Das war ein geniales Ablenkungsmanöver.
Was dachten die Menschen?
Was aber die Bevölkerung dachte, ist wenig erforscht; wegen der Zensur konnte sich Kritik nicht in den Zeitungen äussern. «Es gibt aber eine ganz kleine Sondierungsstudie anhand von Truppentagebüchern», sagt Jaun. «Da ist interessant, dass etwa ein guter Drittel das Réduit überhaupt nicht wahrgenommen hat – nicht einmal das auf dem Rütli stationierte Bataillon.
Bei etwa einem Drittel kommt die Faszination der Berge zum Tragen, und beim letzten Drittel mischen sich Kritik und die Einsicht, dass die Armee mit dem Réduit erst wieder in die Lage kommt zu kämpfen.»
Für verfehlt hält Rudolf Jaun die Argumentationskette, man habe mit dem Réduit die Truppenstärke reduzieren und Arbeitskräfte für die Produktion für Deutschland bereitstellen wollen – und sich so auch noch am Holocaust schuldig gemacht.
«Das ist eine der Geschichtserfindungen aus den Achtzigerjahren – die jetzt, mit der Serie des Schweizer Fernsehens, in Frage gestellt werden.»
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